https://www.faz.net/-gqz-8ykbd

Kulturerbe in Mossul : Die Schätze unter Jonas zerstörtem Grab

  • -Aktualisiert am

Irakische Soldaten beim Kampf in Mossul Bild: dpa

Das Kulturerbe der irakischen Stadt Mossul hat unter dem IS stark gelitten. Doch auch die heftigen Kämpfe um die noch nicht befreiten Viertel und die Region verursachen immense Zerstörungen.

          4 Min.

          Mit ihrer Vertreibung aus dem größten Teil der Stadt Mossul und weiteren Ortschaften der nordirakischen Provinz Ninive wird das Ausmaß der verheerenden Schäden, die die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) während ihrer zweijährigen Herrschaft am Kulturerbe angerichtet hat, immer sichtbarer. Die Verwüstungen sind erschütternd. Bereits vor Beginn der Befreiungsoffensive im vergangenen Oktober schätzte Abu Bakr Kanaan, der Direktor der für die religiösen Belange, Stiftungen und Einrichtungen der Sunniten zuständigen Waqf-Behörde der Provinz, die Zahl der dort von den Dschihadisten zerstörten Moscheen und islamischen Grabstätten auf etwa hundert – sie dürfte infolge der Kampfhandlungen inzwischen noch gestiegen sein.

          Rund die Hälfte davon befand sich innerhalb der Stadt Mossul. Laut dem 2014 begonnenen Dokumentationsprojekt „Mossuls Monumente in Gefahr“ des Orientalischen Instituts der tschechischen Wissenschaftsakademie in Prag, das zuverlässige und durch Satellitenbilder gestützte Informationen liefert, trafen die meisten Zerstörungen den Westteil der Stadt, der noch immer hart umkämpft ist. Die Dokumentation der Verheerungen sehen die Prager Forscher übrigens auch deshalb als Verpflichtung an, weil die islamische und christliche Baugeschichte der Stadt von westlichen Wissenschaftlern kaum erfasst sei. Zwar lägen schon länger Untersuchungen irakischer Architekturhistoriker vor, diese hätten aber in der internationalen Forschung kaum Beachtung gefunden. So sei man sich im Westen auch nicht bewusst, wie groß mittlerweile der Verlust für das Weltkulturerbe der Provinzhauptstadt Mossul sei.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Im Februar bezifferte die am Projekt beteiligte tschechische Archäologin Lenka Starková die Zahl der zerstörten Architekturdenkmäler in der Stadt auf 47. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um Sakralbauten, darunter mehrere Kirchen und Klöster. Im islamischen Sektor fielen dem Vandalismus der radikalen sunnitischen Islamisten schon kurz nach ihrer Einnahme der Stadt im Sommer 2014 vor allem schiitische Moscheen, Mausoleen und Koranschulen zum Opfer. Bald folgten aber auch Begräbnisstätten geachteter sunnitischer Persönlichkeiten, in denen die wahhabitisch geprägte Terrormiliz die ihr verhasste Heiligenverehrung wittert. Viele dieser religiösen Stätten waren Anziehungspunkte für Pilger aus der gesamten Region – einige sogar weit über den Irak hinaus bekannt.

          Zu den größten und eindrucksvollsten Monumenten gehörte die nach dem Propheten Jona (Nabi Yunus) benannte Moscheeanlage im Ostteil der Stadt, von der nach den massiven Sprengungen durch den IS im Jahr 2014 nur Mauerreste übrig geblieben sind. Die baugeschichtlichen Anfänge der Anlage reichen bis in die assyrische Ära: Im heutigen nördlichen Ostteil Mossuls lag einst die assyrische Stadt Ninive, die im siebten Jahrhundert vor Christus als Hauptstadt des neuassyrischen Reiches unter König Sanherib eine Blüte erlebte. Auf ihrem weiträumigen, mit der Zeit stellenweise überbauten und heute zum Teil landwirtschaftlich genutzten Areal liegen mehrere Grabungsstätten mit gut erforschten Überresten assyrischer Architektur, darunter die Palast- und Tempelanlage in Tell Kujundschik. Hier wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts die berühmte Tontafel-Bibliothek des Königs Aschurbanipal entdeckt, zu der auch das Gilgamesch-Epos gehört. Dank einer Kooperation des British Museum, das diese Keilschrifttafeln besitzt, und der Universität von Mossul sind die meisten dieser Funde inzwischen digitalisiert und im Internet zugänglich.

          An den antiken Ruinen von Ninive scheinen sich die Islamisten zwar nicht vergriffen zu haben, wohl aber an der modernen Rekonstruktion des monumentalen westlichen Stadttors („Mashki-Tor“), das mit Baggern planiert wurde. Eine geflügelte Torwächter-Figur (Lamassu), die am nördlichen „Nergal-Tor“ stand, wurde vom IS entfernt und wegtransportiert. Dass die Nabi-Yunus-Anlage und ihre Umgebung im größtenteils überbauten südlichen Teil des einstigen Ninive noch Schätze aus assyrischer Zeit bergen könnte, dürften die im Antikenraub geübten Dschihadisten gewusst haben. Schließlich hatten noch Anfang der neunziger Jahre irakische Altertumsforscher in der Nähe der Nabi-Yunus-Moschee einen imposanten Lamassu freigelegt und auch weitere Funde gemacht, die darauf hindeuten, dass dort einst der Palast von Sanheribs Sohn Asarhaddon gestanden haben könnte. Tatsächlich machten sich die Islamisten nach der Sprengung der Moscheeanlage ans Werk und gruben dort mehrere Tunnel, die erst im Februar, nach der teilweisen Befreiung der Stadt, von irakischen Soldaten entdeckt wurden.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Die Funde sorgen seitdem nicht nur unter einheimischen Archäologen, sondern auch weltweit bei Assyrologen für Aufsehen. Für den niederländischen Archäologen David Kertai, einen Experten für assyrische Architektur, sind die entdeckten Artefakte, darunter Steinreliefs und ein monumentaler Lamassu, nicht leicht einzuordnen. Er bemerkte auf Anfrage dieser Zeitung, dass sie die bisherige Annahme von der Existenz eines assyrischen Palastes unterhalb der Nabi-Yunus-Moschee zwar stützten. Aber die dort entdeckte Steintafel mit einer Inschrift von König Asarhaddon sei noch kein Beweis dafür, dass es sich auch wirklich um seinen Palast handele. Denn aus Kertais Sicht spricht einiges dafür, dass an der freigelegten Fundstelle Bauteile aus verschiedenen Perioden verbaut wurden – ein auf den bislang kursierenden Fotos zu sehendes Relief mit menschlichen Figuren stehe sogar auf dem Kopf. Diese Einschätzung teilt auch die Münchner Archäologin Simone Mühl, die an mehreren Initiativen zur Dokumentation und Erhaltung des Kulturerbes im Irak beteiligt ist. Sie hob dieser Zeitung gegenüber indes hervor, dass einige der Darstellungen auf den Steinreliefs, vor allem Frauenfiguren, den Forschern bislang unbekannt gewesen seien.

          Was mit den einsturzgefährdeten Ruinen der Moscheeanlage und den Funden geschehen soll, ist noch unklar. Ginge es nach der Vorsitzenden des Kulturausschusses des irakischen Parlaments, Maysun al Damludschi, die unlängst die Stadt besuchte, so sollten die Mauerreste vorerst erhalten und die entdeckten assyrischen Schätze in das irakische Nationalmuseum nach Bagdad gebracht werden. Auch die Zukunft des vollständig ausgeraubten und teilweise durch einen Brand zerstörten Museums von Mossul ist noch ungewiss. Pläne für seinen möglichen Wiederaufbau werden der Archäologin Simone Mühl zufolge derzeit von einer Kommission der irakischen Antikenverwaltung diskutiert.

          Weitere Themen

          Manche Trolle tragen Krawatten

          Frankfurter Buchmesse : Manche Trolle tragen Krawatten

          Frauen werden in sozialen Netzwerken oft unter der Gürtellinie angegangen – besonders Politikerinnen. Eine Diskussion auf der Buchmesse fragt: Ist denn nichts besser geworden?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.