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Irak-Krieg : Der Bibliotheksbrand von Bagdad

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Das historische Gedächtnis ist ein wichtiger Baustein beim Wiederherstellen der Zivilgesellschaft und der Demokratie im Irak. Doch möglicherweise wurde in den Museen und Bibliotheken Bagdads die kulturelle Überlieferung des Irak vollständig ausradiert.

          „Bagdads verborgene Schätze“ heißt ein Artikel in der „New York Times“. Der Orientalist Eric Davis erinnert darin an den weit zurückreichenden kulturellen Pluralismus im Irak. Auf ihn könne die Zivilgesellschaft bauen, wenn es darum gehe, im Irak eine Demokratie zu errichten.

          Doch ist das nach den Verheerungen in Museen und Bibliotheken noch denkbar?

          Das Leben zwischen den Zeilen

          Nicht einmal das Regime der Baath-Partei habe es in 35 Jahren geschafft, diese Tradition auszurotten. Immer suchten und fanden die irakischen Intellektuellen Wege, ihren freien Geist zu behaupten. Ein Angriff auf Saddam Husseins Herrschaft konnte die Gestalt einer Kritik der Herrschaft Nebukadnezars annehmen. Eine Polemik gegen linke Intellektuelle, die auf die Bauern hinabsehen, konnte stillschweigend die Art und Weise dokumentieren und kritisieren, in der die Baath-Partei die Landbewohner behandelte.

          Die Reformer könnten also heute an eine nur an der Oberfläche unterdrückte lebendige Tradition anknüpfen, in der Iraker aller Schichten und Ethnien an Zeitungsdebatten, politischen Diskussionen oder Dichterlesungen teilnahmen. Und die Erfahrung der Kurden zeige, dass Iraker die Demokratie errichten könnten, wenn man es ihnen erlaube.

          Davis schließt seinen optimistischen Ausblick mit der Feststellung, historisches Gedächtnis sei ein wichtiger Baustein beim Wiederherstellen der Zivilgesellschaft und beim Errichten der Demokratie im Irak.

          Der Bibliotheksbrand von Bagdad

          Gleichzeitig übersetzt die „Welt“ einen im „Independent“ erschienenen Augenzeugenbericht von Robert Fisk, der als Reporter des „Independent“ den Bibliotheksbrand der irakischen Nationalbibliothek, des Nationalarchivs und der Koran-Bibliothek hilflos mit ansehen musste.

          Erst wurde geplündert, dann wurden unersetzliche Bücher und Handschriften mutwillig verbrannt. Die älteren Bestände der Koran-Bibliothek seien mit Benzin als Brandbeschleuniger in Asche verwandelt worden. Fisk habe vergeblich versucht, das Büro der amerikanischen Marineinfanterie für Zivilangelegenheiten zum Einschreiten zu bewegen.

          Mit der Zerstörung der Antiken im Nationalmuseum und der Schriften der Bagdader Bibliotheken, so Fisk, „ist die kulturelle Identität des Irak ausgelöscht worden“. Für die gebildetste Bevölkerung im Mittleren Osten, die von Bagdad, sei dies das Jahr Null.

          Phoenix aus der Asche

          Davis und Fisk zitieren beide das Sprichwort, bei den Arabern würden die Bücher in Kairo geschrieben, in Beirut gedruckt und in Bagdad gelesen. Jetzt ist der Phoenix im Weltenbrand untergegangen.

          Noch weiß man nicht, was von den Beständen vor dem Krieg ausgelagert und vor geplanten Plünderungen und der sinnlosen Zerstörungswut des irakischen Mobs in Sicherheit gebracht werden konnte und aus der Asche wieder auftauchen mag. Welche Schätze nur vorübergehend verborgen oder für immer begraben sind, das muss sich noch zeigen.

          Doch es bedarf schon eines Mythos von besonderer tragischer Kraft, um die von Fisk geschilderte, möglicherweise totale Vernichtung einer kulturellen Überlieferung und die von Davis erhoffte Wiedergeburt des kulturellen Lebens zusammenzudenken.

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