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Irak : Der Mahdi aus Texas hat ausgedient

  • -Aktualisiert am

Private Armee: Soldaten vor dem Poster des Schiitenführers Muqtada al-Sadr Bild: REUTERS

Die Schiiten sahen in Präsident Bush ihren lange ersehnten Führer. Inzwischen haben sich die Gläubigen einen neuen Führer gesucht: Muqtada al-Sadr. Er ist das größte Problem der Amerikaner im Irak.

          6 Min.

          Noch die guruartig-mechanischen Gebärden des greisen AJatollah Chomeini versetzten viele Schiiten in Hypnose, so daß die Menge sowohl beim Erscheinen des Revolutionsführers als auch bei seinem Abgang lauthals skandierte: "Gott bewahre uns Chomeini bis zur Rückkehr al-Mahdis." Nach dem Tod Chomeinis übertrug sich dieser fromme Wunsch auf seinen Nachfolger, AJatollah Muntaziri. Als dieser jedoch in Ungnade fiel, fühlte sich die schiitische Gemeinde verunsichert: Wer sollte jetzt die irdischen Geschäfte weiterführen, bis der entrückte Imam al-Mahdi (874 bis 941), eine der fantastischen Gestalten der zwölf Imame, wiederkehren würde, um die Ungerechtigkeit zu beseitigen und den Menschen Sicherheit und Geborgenheit zu bringen?

          Die gegenwärtigen Führer der schiitischen Glaubensrichtung verstehen sich als Vorboten des verborgenen Imams. Ihr Leben ist ausschließlich darauf ausgerichtet, der Rückkehr des ersehnten Mahdis ins Diesseits beizuwohnen. Und so flüstern sie jedesmal, wenn sie diesen magischen Namen erwähnen, die Wunschformel: "Gott möge sein Erscheinen beschleunigen."

          Die Verheißungen lassen auf sich warten

          Kurzfristig sahen die ungeduldigen und vom langen Warten zermürbten Schiiten im Irak in George W. Bush den Mahdi, der ihrem Peiniger, Saddam Hussein, den Garaus machte und ihnen Freiheit, Wohlstand und Gerechtigkeit versprach. Tauchte sein Bild auf dem Fernsehbildschirm auf, brachen sie in Jubelrufe aus: "Das ist der Mahdi, auf den wir seit einem Jahrtausend gewartet haben!" Doch George W. Bush löste lediglich sein Versprechen ein, den irakischen Tyrannen zu stürzen; die anderen Verheißungen lassen weiter auf sich warten. Das Bild des neuen Mahdis aus Texas, der sich von Gott berufen fühlte, den Krieg gegen das "Böse" zu führen, bekam Risse. Zwar sind die leidgeprüften irakischen Gläubigen Bush durchaus dankbar, aber er ist ihnen allmählich unheimlich geworden - er ist eben doch der falsche Messias.

          Krasser konnten keine zwei Kulturen aufeinanderprallen als im Irak, obwohl beim genaueren Hinsehen zwischen den Polen gewisse Gemeinsamkeiten existieren: Der Kampf gegen die "Ungläubigen", die "Bösen" und "Gesetzlosen" und, vor allem, der "Schutz" vor der sunnitischen Dominanz. Einigen scheint dieser Schulterschluß zu gefallen, wie dem Obersten Rat der islamischen Revolution im Irak, "Sciri", unter Abdalaziz al-Hakim. Andere um den moderaten Ajatollah Ali al-Sistani warten weiterhin ab und hüllen sich in Schweigen.

          Alte Rivalen

          Die neuerstarkte dritte Kraft unter den Schiiten des Iraks wird von dem impulsiven jungen Muqtada al-Sadr angeführt. Seine Gefolgsleute sind hoch motiviert und zu allem entschlossen, um das "Baidat al-Islam", das Kernland des Islam, das sie durch die Mission Bushs im Irak gefährdet sehen, zu verteidigen. Da die Posten in der von der amerikanischen Besatzung geschaffenen Übergangsregierung an verschiedene islamisch orientierte Iraker, aber auch an laizistische Kräfte, etwa Mitglieder der kommunistischen Partei, verteilt wurden, ging al-Sadr leer aus.

          Seine alte Rivalität zum "Sciri" und dessen Führer flammte wieder auf, nachdem der später ermordete Baqir al-Hakim eine Führerrolle innerhalb der klerikalen Hierarchie in al-Hawaza, der höchsten Instanz der Schiiten, übernahm, während sein Bruder Abdulaziz mit den Amerikanern offensichtlich ohne große Schwierigkeiten zusammenarbeitete. Der junge al-Sadr vermutet, daß die Familie al-Hakim hinter der Ermordung seines Vaters und seiner Brüder Mustafa und Mummal am 18. Februar 1999 stand oder zumindest in eine Mordkampagne verwickelt war. Al-Hakims Clan hatte al-Sadr der Kooperation mit Saddam Hussein bezichtigt. Er sei eine Marionette des Regimes, lautete der Vorwurf, doch habe er die rote Linie überschritten: Deshalb sei er ermordet worden.

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