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Inzucht im Hauptstadt Zoo : Ehret mir die reinen Gene

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Nilpferddame „Nicole“, eine Enkelin der legendären „Bulette“ und damit auch Teil der Berliner Inzuchtgeschichte, führt im November 2011 ihr Jungtier vor Bild: Wolfgang Kumm/dpa

Schon seit Nilpferd „Knautschkes“ Zeiten ist Inzucht im Berliner Zoo gelebte Praxis. Doch jetzt reicht es den Kritikern: Ein Löwenbaby starb, die Eltern waren Geschwister.

          Der Vorwurf der Inzucht wiegt schwer und derjenige der Förderung „planmäßiger Inzucht“, was fast wie gewerbliche Unzucht klingt, noch schwerer. Die Berliner Politikerin Claudia Hämmerling weiß genau, was sie für ein Geschütz auffährt, wenn sie gegenüber dem Berliner Zoo diesen Vorwurf erhebt. Sodom und Gomorrha am Bahnhof Zoo, diesmal unter ganz anderen Vorzeichen?

          Frau Hämmerling, die tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, ist im Zoo keine Unbekannte. Mit bewundernswerter Energie arbeitet sie sich an der traditionsreichen und von der Berliner Politik zu Frontstadtzeiten eher mit Samthandschuhen angefassten Einrichtung ab. Ihre Pressemitteilungen thematisieren einen würdevollen Lebensabend für Schimpansen, die unterlassene Geburtenregelung bei den Arktischen Wölfen und die Elefantenhaltung im Tierpark Friedrichsfelde. Bereits 2008 forderte sie den Rücktritt von Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz, gegen den sie auch Strafanzeige erstattete. Die Ermittlungen wurden eingestellt, Klaus Wowereit nahm Blaszkiewitz persönlich in Schutz.

          Ein echter Bärendienst

          Auch unterhalb der juristischen Ebene war Frau Hämmerling mit den Vorwürfen nicht zimperlich; im Zusammenhang mit der Präsentation des mittlerweile verstorbenen Eisbären Knut gebrauchte sie den in ihrer Partei besonders schwerwiegenden Vorwurf der „Isolationshaft“. Auch mit ihrem aktuellen Inzuchtvorwurf betritt Frau Hämmerling eine moralische Ebene, die bedenklich ist. Der Anlass ihrer Kritik ist traurig: Das letzte im Berliner Zoo geborene afrikanische Löwenbaby musste eingeschläfert werden, die Eltern waren Geschwister. Auch darin, dass der offenbar gesunde Zwilling des Löwen an einen Zoo in Nicaragua verkauft wurde, sieht sie eine Verdunkelung. Zwar ist die Animosität zwischen Frau Hämmerling und dem Berliner Zoodirektor kein Geheimnis; im Rahmen ihrer Strafanzeige erklärte sie, der 1954 geborene Biologe hätte seine Stelle nie antreten dürfen.

          Trotzdem ist vieles, was Frau Hämmerling etwa zur Finanzierung des Zoologischen Gartens sagt, durchaus bedenkenswert. Der Vorwurf der Inzucht, der im menschlichen Kontext einen ausgesprochenen Beigeschmack hat, ist jedoch polemisch, man erweist seinem Anliegen damit einen echten Bärendienst. Das, was unter Inzucht zu verstehen ist - Nachkommen zwischen engen Angehörigen wie Geschwistern oder Eltern und Kindern -, kommt im Tierreich häufiger vor und darf nicht allein mit menschlichen Maßstäben gemessen werden.

          Beinahe ödipale Züge

          An einen besonders prominenten Fall erinnert im Berliner Zoo ein Denkmal. Vor dem Nilpferdhaus steht der bronzene Nilpferdbulle „Knautschke“. Der 1943 geborene Flusspferd-Bulle gehörte zu den nur 91 Tieren, die den Bombenkrieg und die Endkämpfe im Berliner Tiergarten überlebten. Bekannt wurde der Jungbulle durch seinen längeren Ausflug in die Sowjetische Besatzungszone zum Leipziger Zoo. Exotische Tiere waren damals in beiden Teilen Deutschlands knapp, im weniger kriegszerstörten Leipziger Zoo lebte die Nilpferdkuh „Gretel“. In aller Unschuld sprach man in Ost und West von einer „Hochzeitsreise“ und gar von Liebe.

          Im Ergebnis war die Reise tiergärtnerisch ein Erfolg, „Gretel“ wurde schwanger und gebar 1952 die Tochter „Bulette“; der etwas zu volkstümliche Name deutete bereits an, dass das Nilpferdkind dem Berliner Zoo versprochen war. Dort gelangte sie 1954 auch hin und entwickelte sich prächtig; vier Jahre später wurde Tochter „Jette“ geboren. Das war die Grundlage der erfolgreichen Berliner Nilpferdzucht, doch die Regeln der bürgerlichen Familie waren damit endgültig verlassen worden. Vater von „Jette“ war nämlich „Knautschke“, der damit zugleich Vater und Großvater seiner Tochter war. Mit Tochter „Bulette“ zeugte „Knautschke“ noch mehr als dreißig weitere Kinder, seiner Popularität tat dies keinen Abbruch. Als „Knautschke“ 1988 eingeschläfert werden musste, hatte das Ganze fast ödipale Züge; bei einem Revierkampf mit seinem Sohn und Enkel „Nante“, den er ebenfalls mit „Bulette“ gezeugt hatte, war er zuvor schwer verletzt worden. Tochter „Bulette“ überlebte ihren Vater und Lebensgefährten um einige Jahre und starb am Silvestertag 2005.

          Auch die Popularität der in den letzten Lebensmonaten sehr leidenden Nilpferddame war immens; gegenüber einer Berliner Boulevardzeitung erklärte damals Bischof Wolfgang Huber, dass ein Christ auch für Nilpferde beten dürfe. Frau Hämmerling, die 2005 schon im Abgeordnetenhaus saß, hätte sicher nicht widersprochen.

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