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Investition : Die Kunst ist der einzige Hedge-Fond

Wer ein Kunstwerk kauft, erwirbt zweierlei: ein dauerhaftes Konsumgut und - eventuell jedenfalls - eine Vermögensanlage. Wie sich diese Anlage verzinst, ist ähnlich wie bei anderen Sammelgegenständen - bei Wein und Briefmarken oder Teppichen - in bezug auf das einzelne Werk ungewiß. Für risikofreudige und geduldige Anleger kann sich die Investition in Kunst jedoch als sehr lohnend erweisen.

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          Als der britische Kunstsammler Charles Saatchi im Jahr 1991 den in Formaldehyd eingelegten Hai von Damien Hirst kaufte, zahlte er 50000 Pfund dafür. Als er das marinierte Tier kürzlich wieder losschlug, erlöste die Skulptur zwölf Millionen Dollar. Das entspricht einer Verzinsung von mehr als 41 Prozent pro Jahr - was selbst dann, wenn man die Transaktionskosten und die fälligen Steuern abzieht, noch eine ordentliche Rendite auf das eingesetzte Kapital darstellt. Meldungen wie diese werfen in regelmäßigen Abständen die Frage auf, wie typisch sie sind für den Markt, mit anderen Worten: Welche Durchschnittsverzinsung am Kunstmarkt denn erzielt werden kann? Die ökonomische Anfangsvermutung ist ganz einfach.

          Wer ein Kunstwerk kauft, erwirbt zweierlei: ein dauerhaftes Konsumgut und - eventuell jedenfalls - eine Vermögensanlage. Wie sich diese Anlage verzinst, ist ähnlich wie bei anderen Sammelgegenständen - bei Wein und Briefmarken oder Teppichen - in bezug auf das einzelne Werk ungewiß. Niemand kann sagen, wie sehr sich in zwanzig Jahren andere Sammler noch für den Geschmack von heute interessieren werden. Diese Ungewißheit teilt der Kunstmarkt trivialerweise mit den Börsen und mit den Immobilien-, Gold- oder Rentenmärkten. Da jedoch der Eigentümer eines Kunstwerks zweierlei an ihm genießen kann, die Wertanlage und das Objekt selber nämlich, muß er, so die ökonomische Vermutung, beim Kauf auch für beides bezahlen. So legen es jedenfalls Langzeitstudien des Schweizer Ökonomen Bruno S.Frey nah. Kunstwerke sollten sich, diesen Untersuchungen zufolge, im Durchschnitt weniger gut verzinsen als andere Wertanlagen. Hirsts Hai wäre, so gesehen, ganz und gar untypisch.

          Daß man es mit Vergnügen anschauen und seine Wohnung damit schmücken kann, ist allerdings nur eine Antwort auf die Frage, was ein Kunstwerk von anderen Vermögensanlagen unterscheidet. Die New Yorker Finanzökonomen Jianping Mei und Michael Moses haben eine umfangreiche Datenbasis von mehr als fünftausend Kauf- und Verkaufspreis-Paaren zusammengestellt, die Kunstwerke zwischen den Jahren 1875 und 2000 bei prominenten Auktionen erzielt haben. Von 1950 bis 2000 kam Kunst danach auf eine ähnlich gute Verzinsung wie die Aktien des "Standard&Poor's 500"-Index - und auf eine deutlich bessere Verzinsung als Anleihen und Staatspapiere. Meisterwerke schnitten dabei bemerkenswerterweise nicht so gut ab wie die Kunst aus der zweiten Reihe: War ein Werk zehn Prozent teurer als ein anderes, so entsprach dieser Difefrenz durchschnittlich eine Einbuße von 0,1 Prozent an jährlicher Rendite.

          Kunstwerke statt Rentenpapiere

          Was hat ein Kunstwerk, was eine Aktie nicht hat? Das Kunstwerk wird seltener gehandelt, der Markt ist also erratischer. Im Durchschnitt verblieben seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bedeutende Kunstwerke etwa achtundzwanzig Jahre bei ihren jeweiligen Eigentümern. Außerdem sind Kunstwerke deutlich heterogener als Rentenpapiere, Industrietitel oder Immobilien. Ökonomisch ausgedrückt: Der Kunstmarkt zeigt deutlich größere Ausschläge als die Börse. Für risikoscheue und zugleich ungeduldige Anleger, also für solche, die nicht warten können, ist er nichts.

          Dadurch jedoch, daß der Kunstmarkt in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen ist, so meinen Mei und Moses, fällt diese Volatilität nur noch halb so stark ins Gewicht wie noch vor dem Zweiten Weltkrieg. Bei der Auswertung langer Zeitreihen von Preisen muß - anders formuliert - berücksichtigt werden, ob sie überhaupt Informationen über ein und denselben Markt enthalten: Je mehr Transaktionen stattfinden und je mehr sich die Kunden an Preis-Indizes orientieren oder ihre Käufe an Experten delegieren, desto weniger Varianz sollte die Preisentwicklung haben.

          Das wichtigste Ergebnis der Analysen von Mei und Moses ist aber noch ein anderes: Kunstwerke unterscheiden sich von Aktien vor allem dadurch, daß ihre Preisentwicklung nur schwach mit derjenigen der Börse zusammenhängt. Der Kauf von Kunst ist, mit anderen Worten, vor allem für Leute attraktiv, die ein Vermögensportfolio mit unterschiedlichen, nicht voneinander abhängigen Risiken zusammenstellen möchten, um gegen die Börse zu "hedgen". Außerdem korrelieren auch innerhalb des Kunstmarktes die Preisentwicklungen verschiedener Warengruppen nur schwach miteinander. Ein Forscherteam der Yale University unter Leitung von William N.Goetzmann hat sich darum vor kurzem sogar zugetraut, die Preisentwicklung verschiedener Marktsegmente kunstgeschichtlichen Stilepochen zuzuschreiben: Die Preisbildung für Impressionisten ist demnach weitgehend unabhängig von der für Pop-art oder surrealistische Kunst.

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