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Interview : Wolfgang Tillmans: „Meine Definition lautet: Kunst ist nutzlos“

  • Aktualisiert am

Wolfgang Tillmans Bild: dpa

Wozu macht er Kunst? - Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans spricht im FAZ.NET-Interview über seine Fotoarbeiten.

          Fotografien der Sub- und Popkultur seiner Generation machten den 1968 geborenen Wolfgang Tillmans zum Star. In London, wo er seit Beginn der 90er Jahre lebt, erhielt er vergangenes Jahr den renommierten Turner-Preis.

          Die Hamburger Deichtorhallen zeigen jetzt als erste Station einer Wanderstellung eine umfangreiche Schau mit neuen Arbeiten des Künstlers. Unter dem Titel „Aufsicht“ werden großformatige „abstrakte“ Bilder gezeigt, die ohne Kamera im Labor entstanden sind. FAZ.NET sprach mit Tillmans über seinen ästhetischen Ansatz, den er bewusst in alle Richtungen offen hält.

          Ihr künstlerisches Spektrum ist sehr vielfältig. Es umfasst Porträts, Interieurs, Landschaftsbilder und Stilleben. Neuerdings präsentieren Sie auch 'abstrakte' Fotografien. Wie würden Sie Ihre Herangehensweise beschreiben?

          Im Gegensatz zu den meisten Fotografen habe ich keine klar erkennbare Operationsweise. Der eine fotografiert immer Häuser mit der Großbildkamera, ein anderer macht vielleicht alle zwei Jahre eine neue Serie über ein bestimmtes Thema oder arbeitet nur aus dem Leben heraus. Ich durchkreuze diese Festlegung auf eine Arbeitsweise bewusst, weil sie einfach nicht meiner Sichtweise auf die Welt und meiner Lebenserfahrung entspricht.

          Mit meinen Bildern will ich meine Gedanken über die Welt ausdrücken. Und zu meinen Schlüssen komme ich eben auf verschiedenen Wegen. Manchmal brauche ich dazu überhaupt keine Kamera, wie bei den neuen Arbeiten, die zwar gegenständlich aussehen, aber eigentlich vollkommen abstrakt sind. Insofern hat die Vielschichtigkeit der Arbeitsweise unmittelbar mit dem jeweiligen Inhalt zu tun.

          Während Ihre Fotos für Magazine wie 'i-D' einen dokumentarischen Charakter haben, wirken die neuen farbgewaltigen 'Mental Pictures' fast malerisch. Genre-Hopping als Strategie?

          Ich finde, dass es in der Musik, in Zeitschriften, Galerien, im öffentlichen Raum und an anderen Orten hervorragende Kunst gibt. Wo und wie Kunst entsteht, ist einfach nicht vorhersehbar. Ich bin letztlich auch dazu angetreten, diese Grenzen zu überwinden. Im Umkehrschluss wurde das vielleicht missverstanden, und einige sahen mich als Apologet für Mode, Werbung oder Fotografie an sich. Ich glaube in keiner Weise, dass Mode, Werbung oder Fotografie per se Kunst sind.

          Wie würden Sie Kunst definieren?

          Meine Definition lautet: Kunst ist nutzlos. Ich glaube, dass Kunst erstmal eine richtungslose Forschung ist, wohingegen angewandte Kunst einen Nutzen und eine Richtung hat, bei der das Resultat bereits eingeplant ist. Ich hingegen will immer etwas Neues erfahren. Ich mache ja Kunst nur deshalb, weil ich das, was ich sagen will, nicht bereits mit Worten ausdrücken kann.

          Mit Porträts junger Leute aus Ihrer Generation wurden Sie berühmt. Was interessiert Sie am Porträt?

          Ich glaube, Porträts sind immer dann besonders interessant, wenn sie über die Person des Abgebildeten hinaus allgemeinmenschliche Aussagen treffen. Mit Aussagen meine ich jetzt nicht klare Interpretationen, sondern Tendenzen, Gefühle, Befindlichkeiten. Das, was ich versuche in meinen Porträts zu erreichen, ist auf der einen Seite, die Person so darzustellen, wie ich sie empfinde, und auf der anderen Seite in der Person den Menschen an sich zu sehen.

          Sie leben seit Beginn der 90er-Jahre in London, wo die künstlerische Auseinandersetzung mit sozialen Themen heftig betrieben wurde. Welche Position nehmen Sie dazu ein?

          Im Prinzip ist natürlich meine ganze Arbeit auf Gesellschaftliches ausgerichtet. Dahinter steckt auch ein politischer Wunsch. Wenn das nicht so wäre, hätte ich wohl persönliche Legitimitationsprobleme, mit meiner Arbeit so in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich habe immer das Anliegen, mit meiner Sehweise hoffentlich andere Leute zu ermutigen, ihren Augen zu trauen und die Wahrheit oder das Leben zu ertragen. Man sollte selber in der Lage sein zu entscheiden, was hässlich und was schön ist, was akzeptabel ist und was nicht. Das ist vielleicht eine unterschwellige Grundaussage, die ich treffen will.

          Ihre Ausstellung in den Deichtorhallen heißt 'Aufsicht'. Der Titel bezieht sich auf Ihren neueren Ansatz, die Welt von oben zu betrachten und entsprechend ins Bild zu setzen.

          Ich will mein Leben, meine Existenz, versuchen zu begreifen. Das muss man ja jeden Tag neu tun. Dabei ist eben dieser Blick von Hochhäusern oder von Türmen oder von Flugzeugen aus für mich eine Möglichkeit, praktisch auf mich selbst zu schauen, auf die Umstände, in denen ich lebe. Dabei will ich mich nicht über die anderen Menschen erhöhen. Es ist kein Blick von oben herab, ich sehe mich als Teil des Ganzen.

          Damit verbunden ist die Faszination für die Unerklärlichkeit von Millionen von einzelnen kleinen menschlichen Handlungen, die letztlich die Oberfläche der Dinge gestalten. Denn alle gesellschaftlichen Prozesse haben am Ende auch eine Oberfläche, finden eine Form. Ob die sich nun in den Schuppen auf der Schulter eines U-Bahnfahrenden neben mir niederschlägt, oder in der Anordnung von Reisfeldern in Japan. Darin suche ich meine Bilder, um dann wiederum eigene Formen zu erfinden, das Vorhandene sichtbar zu machen.

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