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Interview : Was fasziniert Sie an Gregor Schneider, Herr Kittelmann?

  • -Aktualisiert am

Udo Kittelmann Bild: dpa

Der Leiter des deutschen Pavillons auf der Biennale über den preisgekrönten Künstler Gregor Schneider.

          Für sein "Totes Haus ur" im Deutschen Pavillon bei der 49. Biennale in Venedig hat Gregor Schneider soeben den ersten Preis erhalten. Als Kommissar des Deutschen Pavillons war diesmal Udo Kittelmann beauftragt worden, einen Künstler auszuwählen und die Ausstellung in Venedig zu kuratieren. Kittelmann ist Chef des Kölnischen Kunstvereins und designierter Leiter des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt. Sein Vorschlag, ganze Räume aus Gregor Schneiders "Haus ur" in Rheydt nach Venedig zu holen, ist trotz der Sperrigkeit des präsentierten Projekts aufgegangen. FAZ.NET sprach in Venedig mit Udo Kittelmann darüber, was ihn an Gregor Schneiders Arbeit fasziniert.

          In Ihrem Katalogbeitrag zu Gregor Schneiders Projekt in Venedig - ein labyrinthisches, begehbares "Haus" mit Räumen, Gängen und dunklen Löchern - sprechen Sie davon, der "Seele ein Haus zu bauen". Wie ist das zu verstehen?

          Allgemein glaube ich, dass wir immer das Haus oder die Wohnung anderer danach untersuchen, wie sich der Mensch darin zeigt. Es ist ja tatsächlich auch eine Form, wie ein Mensch sein Haus oder seine Wohnung gestaltet. Stets spiegelt sich darin etwas von dem ureigenen Ich des Menschen wider.

          Mit schrägen Wänden: Gregor Schneider vertritt Deutschland auf der 49. Biennale von Venedig

          Wenn ich ein Haus privat umgestalte, dann baue ich in der Regel an oder ich baue aus. Bei Gregor Schneiders Räumen ist es allerdings so, dass seine Umbauten ins Innere führen, immer verschachtelter werden, also nicht auf Ausdehnung oder Öffnung nach Außen hin angelegt sind.

          Bei Gregor Schneiders sogenanntem "Haus ur" - in Venedig handelt es sich um das "Tote Haus ur" - wird man tatsächlich immer mehr in das Innere hinein gezogen. Das könnte man mit dem Bild einer Zwiebel beschreiben, die man entschält, bis man zum Kern der Zwiebel, also zum ganz, ganz kleinen Zwiebelchen kommt. Natürlich ist ein Haus immer auch ein Kokon, ein Ort des privaten Rückzugs.

          In diesem Falle ist es so, dass Gregor Schneiders Räume, auch wenn sie an andere Orte übertragen werden, immer etwas von dem ureigenen Ich des Künstlers - und damit aber zugleich auch unverfügbaren Ich - mit schildern, weil von diesen Räumen eben Emotionen, Affekte ausgehen. Man könnte es so auf den Punkt bringen, dass sich die Person Gregor Schneiders und sein sogenanntes "Haus ur", beziehungsweise sein "Totes Haus ur", überlappen, sozusagen fast identisch sind. Gerade deswegen muss sich Gregor Schneider, was hier in Venedig oft kritisiert wurde, nicht als Person zeigen.

          Es wäre im Grunde schon fast zuviel, wenn Gregor Schneider jetzt auch noch zusätzlich zu seinem "Toten Haus ur" persönlich anwesend wäre?

          Genau. Es gibt eigentlich schon so viel von ihm preis - wenn man die Dinge, die darin stattfinden, auch wirklich wahrnimmt. Nur muss man diese Sensibilität natürlich schon mitbringen. Es geht ihm ja auch darum, das bewusste und unbewusste Wahrnehmen deutlich zu machen, oder wie wir uns zu Räumen verhalten, wie wir uns zu unserem eigenen Körper verhalten, wenn wir uns in Räumen befinden.

          Er bringt natürlich seine eigene Erfahrungen, seine Befindlichkeiten, seine Ängste, seine Sorgen, seine Freuden, seine Lüste in dieses Haus hinein. Und es zeigt sich eben an den winzigsten Spuren. Nur die Spuren müssen wir erst einmal finden. Zunächst gibt es ja diesen Gang ins Haus hinein: Erst einmal kommt man ja darin vor lauter Alltäglichkeit fast um.

          Sie ist beklemmend, teilweise beängstigend, aber dann auch wieder komisch, diese Reise durch Gregor Schneiders Haus.

          Also, ich würde dieses Haus als sehr menschlich bezeichnen. Und das, was passiert, wenn man in diesem Haus ist - es ist auch die ungeheure bildnerische Kraft, die es entfaltet, und dass Erinnerungen, die man vielleicht ad acta gelegt hatte, eben wieder aktuell werden. Wenn man hier in den Keller, beispielsweise, hinein geht, vermutet man ja wirklich die sprichwörtliche "Leiche im Keller".

          Und Gregor Schneider sagt zurecht: "Hat denn nicht jeder eine Leiche im Keller"? Das sind natürlich Dinge, um die Gregor Schneider weiß, aber die sind so sehr an menschliche Reaktionen und Empfindungen gebunden, dass sie sich in jedem Einzelnen widerspiegeln. Deshalb meine ich, dass es sich letztlich um ein sehr menschliches Haus handelt, an dem Gregor Schneider baut.

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