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Interview : Ulrike Draesner: Über den Körper schreiben

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Zu Gast in den Literaturhäusern: Preisträgerin Ulrike Draesner Bild: Brigitte Friedrich

„Mitgift“, der zweite Roman von Ulrike Draesner, zählt zu den wichtigsten Neuerscheinungen dieser Saison. Ein Interview mit der Autorin.

          In „Mitgift“ erzählt Ulrike Draesner eine Familien- und eine Liebesgeschichte. Es geht um ungleiche Paare, um den Körper als letzten eindeutigen und uneindeutigen Bezugspunkt der eigenen Identität. Für „Mitgift“ erhielt die Autorin den „Preis der Literaturhäuser“. Die anerkannte SWR-Bestenliste führt das Buch unter den zehn wichtigsten Neuerscheinungen dieser Saison. FAZ.NET sprach mit Ulrike Draesner über die Arbeit an ihrem Roman, über Körperlichkeit und den Zusammenhang von Literatur und Bildender Kunst.

          Frau Draesner, wie ist Ihr zweiter Roman entstanden?

          Es gibt zwei Handlungsstränge in „Mitgift“, zum einen die Liebesgeschichte zwischen Aloe und Lukas, und dann die Geschichte zwischen Aloe und Anita, den beiden Schwestern. Mitten im Schreiben kamen mir einmal Zweifel, ob es nicht eigentlich zwei verschiedene Romane sind. Das letzte Jahr der Arbeit habe ich dann von den beiden Teilen her aufeinander zu geschrieben, die Geschichten miteinander vernetzt und die Beziehungen enger gemacht.

          Ein komischer Prozess: Man ist schon im Bauen und entwirft dabei noch die letzten Formen des Hauses, das es dann letzten Endes wird. Man rückt ein Zimmer ein oder macht einen Durchgang an eine Stelle, wo keiner war. Man findet plötzlich noch mal eine Treppe nach unten, wo es abgeht in die Vergangenheit - in den Keller, zu den berühmten Leichen. Und nachdem die eine Figur, Lukas, ja Astrophysiker ist, geht es auch manchmal ganz steil hinauf.

          Der Körper ist ein zentrales Sujet des Buches. Es geht um Magersucht, um Geschlechtseindeutigkeit und -uneindeutigkeit, das eigene und das andere Kind. Wie ist der Roman um diese Motivkette herum entstanden?

          Der Körper spielt auch in meinen Gedichten eine wichtige Rolle. Wie die Frage danach, wie wir unseren Körper wahrnehmen, wie wir die Welt über unseren Körper wahrnehmen. Wo hört man auf, wo fängt man an? Und wie weit beeinflussen einen die Körper um einen herum? Wenn ich jetzt auf die Mitgift zurückschaue, sehe ich, wie viele Facetten männlicher Sexualität, weiblicher Sexualität, aber eben auch der Eltern-Kinder-Verhältnisse sich da einordnen. Körper, das heißt auch Alltag, bedeutet Film- und Werbungsbilder, Essen, U-Bahn fahren.

          Haben Sie "Mitgift" von diesen Fragen aus entwickelt?

          Der Roman ist nicht von diesen Fragen aus entstanden, sondern über die Figuren. Die Liebesgeschichte zwischen Lukas und Aloe war mir von Anfang an sehr klar, und ich wusste auch, dass zwischen Aloe und ihrer Schwester Anita irgendwo in der Vergangenheit etwas ist, das bis in die Gegenwart der 90er Jahre, in der das Buch spielt, ausstrahlt.

          Wie hat sich dieses Geheimnis konkretisiert?

          Mir war klar: Es muss um ein Tabu gehen, um ein Familiengeheimnis, das aber auch eine körperliche Manifestation hat, das sich sozusagen im Konkreten niedergeschlagen hat. Und plötzlich, mitten im Schreiben, wusste ich, es hat etwas mit Sexualität zu tun, diese körperliche Anomalität von Anita. Dann habe ich angefangen zu recherchieren. Was ich fand, waren Bilder, aber keine Antwort auf die Frage, was es wirklich bedeutet, als Mensch mit Sexualorganen zwischen männlich und weiblich auf die Welt zu kommen. Die Medizin zeigt nur das Phänomen. Alles, was sie auslässt, was sie nicht versteht, ist der Punkt, an dem Literatur einsetzt.

          Es ist überraschend, wie viele Kinder mit nicht ganz eindeutig zuzuordnenden Geschlechtsmerkmalen geboren werden: zu kleiner Penis, zu große Vagina, irgendetwas dazwischen - eine erstaunliche Zahl, Dunkelziffer zwischen zwei und fünf Prozent. Dass man in den 60er und 70er Jahren wie wild operiert und alles tabuisiert hatte, damit hatte ich ja noch gerechnet. Aber es ist heute noch ganz genau so. Ich habe mit einer Chirurgin gesprochen auf der Charité, die arbeitet da seit 20 Jahren in der Neugeborenen-Abteilung. Und die macht nur das, nur diese Art von Operationen.

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