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Interview : Tim Staffel: „'Titanic' ist total versenkt"

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Hinter seiner Brille sieht Tim Staffel die Welt ganz schön eisig Bild: Verlag Volk & Welt

Tim Staffels Stück „Titanic“ ist am Donnerstag Abend am Staatstheater Mainz uraufgeführt worden. Glücklich ist er darüber nicht. Warum sagt uns der 35-jähige Autor im Interview.

          Mit seinem Debütroman „Terrordrom“, der 1998 in der Dramatisierung von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne uraufgeführt wurde, erwarb sich der in Berlin lebende Autor Tim Staffel, 35, den Status „Kult“. Am Donnerstag Abend wurde am Staatstheater Mainz sein Untergangsstück „Titanic“ uraufgeführt. Im Interview mit FAZ.NET gesteht er, dass er darüber gar nicht so glücklich ist.

          Herr Staffel, man sagt, Sie seien von Haus aus Apokalyptiker. In Ihrem Roman „Terrordrom“ erstarrt das Berlin der nahen Zukunft im Frost, kämpfen Ihre Figuren ums Überleben, wird mit scharfen Waffen Krieg gespielt. Sehen Sie die kommende Welt als so kalt oder treibt Sie die schiere Lust an 'coolen' Fiktionen?

          Es ist nicht so, dass ich die kommende Welt als so eisig empfinde, sondern ich empfinde die bestehende als solche. Der Punkt ist der, dass der Mensch sich grundsätzlich für ein soziales Geschöpf hält und dabei permanent versucht, sich als asoziales Geschöpf zu beweisen. Und diese Diskrepanz ist nicht aufzuheben

          Schreiben Sie also nicht aus einer tatsächlichen Untergangsvision heraus?

          Nein, das Ende ist nicht nahe. Wenn man den Untergang heraufbeschwört, ist das natürlich eine Form von Fiktion. Aber ich gehe eigentlich immer von den realen Bedingungen aus - und die male ich nicht unbedingt rosafarben an.

          Das Staatstheater Mainz hat sich Ihr Stück „Titanic“ vorgenommen und gestern Abend uraufgeführt. Schon wieder ein Untergang, eine technologische Pleite und das Ausatmen einer expliziten Klassengesellschaft. Wofür steht die Titanic bei Ihnen?

          Das haben Sie selber schon ganz gut beschrieben: für ein Non-Plus-Ultra an Katastrophe - zum damaligen Zeitpunkt -, und für ein Scheitern des Menschen an sich selbst und an seinem technologischen Fortschrittsglauben. Heute würde der Höhepunkt ein bisschen anders aussehen. Aber als Spielfläche für den Dichter ist es wiederum ein ganz schönes Thema.

          Warum bekommen wir die Titanic jetzt auf die Bühne, nachdem Sie James Cameron für die Leinwand so opulent beerdigt hat? Warum jetzt nochmal Theater?

          Solange ich schreibe und arbeite, bin ich dem Theater eng verbunden gewesen, und das ist meine Hauptlinie. Und ich finde nach wie vor, dass dieses Medium es verdient. Gegenüber dem Film hat Theater den großen Vorteil, dass es noch ein leibhaftiges Erlebnis sein kann, dass es dreidimensional ist - und die Möglichkeit der Reaktion bietet. Jeder Abend sieht anders aus, und man kann auf dem Theater viel mehr rumspinnen.

          Dafür sollten Menschen ins Theater gehen?

          Ja, weil sie ein dann ein ganz spezielles Erlebnis haben können. Das Theater sollte ein Ort sein, der die Möglichkeit schafft, einen Horizont zu öffnen und den Kopf aufzumachen. Es geht nicht darum, die Leute einfach zu bedienen, es geht um neue Wahrnehmungsmöglichkeiten. Mein Professor Andrzej Wirt sagte: „Theater ist ein dunkler Raum, wo sich ab und zu ein Fenster öffnet“.

          Ist der Spielort dabei von Bedeutung? Die Bühnen suchen sich ja immer gewitztere Orte aus, an denen sie aufführen. Stuttgart geht in eine Dusche, Hamburg ins Netz, ...

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