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Interview : Roger Willemsen: „Ich bin der Zöllner, und ich führe die Leute zusammen“

  • Aktualisiert am

„Ich bin der Parasit der Freude” Bild: dpa

Roger Willemsen über seine gerade angelaufene Sendung „Gipfeltreffen“ und neue Wege des Interviewens.

          Am vergangenen Sonntag ist Roger Willemsens neue Sendung „Gipfeltreffen“ im ZDF angelaufen. Neuerdings erfüllt Willemsen Prominenten Interview-Wünsche mit anderen Prominenten und moderiert nur noch zurückgenommen im Hintergrund. Die Schauspielerin Marie Bäumer machte den Anfang. Sie wünschte sich Monty Roberts, der mit seinen Büchern über den Umgang mit Pferden den Film „Der Pferdeflüsterer“ von Robert Redford inspirierte. Für die Sendung am kommenden Sonntag wünschte sich Hermes Phettberg Helge Schneider als Gesprächspartner.

          Das Konzept der Sendung, das nach der ersten Folge wegen überlanger Dokumentar- und Porträt-Partien kritisiert wurde, knüpft in seinem Kern an eine Tendenz des Talk-Fernsehens an, bei dem der Talk zum Event wird. Bettina Böttinger, "Zimmer frei" und, auf anderer Ebene, Rudi Carrell haben hier erfolgreiche Vorarbeit geleistet.

          Im Interview gibt Roger Willemsen zu, froh zu sein, sich nicht mehr einem Massenpublikum stellen zu müssen und nun auf die „70-er-Jahre-Verbeugung“ von „Willemsens Woche“ verzichten zu können.

          Herr Willemsen, Sie sind bekannt dafür, sich nicht für Quoten zu interessieren. Ihre neue Sendung „Gipfeltreffen“ hatte am vergangenen Sonntag 0,79 Millionen Zuschauer. Sind Sie damit zufrieden?

          Da Sie von Millionen sprechen: ja, sehr. Aber im Ernst: Filmische Formate haben nie die ganz großen Quoten. Insofern: zufrieden, ja.

          Wie fühlt man sich als Rudi Carell der Prominenten-Interview-Wünsche?

          Ich bin der Parasit der Freude, und da ich Marie Bäumer, meinen ersten Gast, sehr mag, habe ich den Ausdruck der Freude sehr genossen. Sie war aber auch sehr angespannt. Man merkte ihr die Befürchtung an, dass sich Monty Roberts, ihr Wunsch-Gesprächspartner, als sehr enttäuschende Größe herausstellen könnte.

          Wie ist das mit den Interview-Wünschen? Wissen Sie davon vorher wirklich nichts? Was hätten Sie gemacht, wenn sich Marie Bäumer Marlon Brando gewünscht hätte?

          Ja, das Überraschungs-Moment lässt sich bei der Sendung nicht ganz vermeiden. Ich habe das selbst in einem Konzept mal den Herzblatt-Effekt für Prominente genannt. Im Fall Marie Bäumers war es so: Ich wusste, wen sie sich wünschen würde: Monty Roberts oder Charlotte Gainsbourg bzw. Jane Birkin. Und dann habe ich sie befragt und sie sagte, ihre absolut erste Wahl wäre Monty Roberts. Es war ein echter Herzenswunsch in dem Fall. Und dann habe ich auch wirklich den Gang der Recherche erst gemacht, nachdem ich wusste: Es ist Monty Roberts.

          Sind Sie auf der Suche nach natürlicheren Gesprächssituationen als bei „Willemsens Woche“?

          Ja!

          „Willemsens Woche“ war manchmal arg verkrampft. In „Gipfeltreffen“ ist mehr Bewegung drin, Gespräche fanden unter freiem Himmel statt, vieles ergab sich ungezwungen.

          Ja, das freut mich sehr, dass Sie das sagen. Weil das nämlich der Niederschlag der Sendung auf mich selber ist. Dass ich merke, ich gehe auf kein Set mehr. Ich stelle mich keinem Massenpublikum mehr. Ich mache keine Verbeugung in meiner Begeisterung, vor einem Publikum zu stehen. Ich bewege mich so selbstverständlich, wie ich das auch ohne Kamera tun würde und merke auch, dass der Gast selber sehr schnell in der Situation ist.

          Kann man Ihnen das abnehmen, dass Sie sich von dem Versuch niveauvoller Unterhaltung eines Massenpublikums so ohne weiteres verabschiedet haben?

          Ich hänge sehr an der sogenannten „niveauvollen Unterhaltung“. Nur entwickelt sich die Gesprächsform im Fernsehen nicht in meine Richtung. Die Form des Interviews, des verbindlichen Gesprächs, an der ich sehr hänge, die ich aber als eine sterbende betrachte, ist eigentlich das Gegenteil von dem gängigen Talkformat. Ich bin froh, dass ich jetzt eine Zwischenform gefunden habe, in der ich mich selbst zurücknehmen kann. Bei Hermes Phettberg, der am kommenden Sonntag zu sehen ist, war das Zurücknehmen aber zum Beispiel nicht möglich, weil es da auf das schnelle Hin und Her und auch auf das Aufschließen von Verzweiflung ankam. Da ist dann die Eigenleistung eine sehr viel höhere. Bei Marie war es so, dass ich dachte: Ich bin der Zöllner und ich führe die Leute zusammen.

          Eine Mutprobe war es allerdings nicht.

          Eine Mutprobe war das nicht. Auf was für eine Mutprobe die Sendung hinaus laufen kann, wurde mir aber klar, als ich mich in der Begegnung Hermes Phettberg - Helge Schneider wiederfand.

          Was geschieht da?

          Diese Begegnung war schwierig, weil beide eigentlich damit zufrieden waren, einander zu sehen. Phettberg sagt, er möchte Schneider nur den Saum küssen, denn er ist der beste Gutmensch des deutschen Sprachraums. Er möchte eigentlich nur anbeten und vor ihm liegen. Helge Schneider wollte aber nicht, dass er vor ihm liegt. Sie führten zwar ein Gespräch, auch ein schönes. Die Dramaturgie läuft aber keineswegs auf die Essenz des Gespächs heraus.

          Hätte das nicht auch gründlich daneben gehen können?

          Ja, das hätte daneben gehen können. Und ich gehe auch zu Punkten, an denen man das sieht. Sie verabschieden sich mit großer Hochachtung, aber sie waren nicht dazu bereit, dem Publikum etwas zu bieten und dadurch bieten sie auf eine andere Weise mehr.

          Ist Ihr Gewährenlassen auch ein Protest gegenüber dem Talk an sich?

          Auf jeden Fall. Ein bisschen was Ketzerisches war bei mir immer dabei, auch schon bei „Willemsens Woche“.

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