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Interview : Rave-Experte Celik: „Die Loveparade braucht jede Unterstützung“

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Herzstück und Herzensangelegenheit der Techno-Szene: Die Loveparade Bild: AP

2002 wird ein schwieriges Jahr für die Loveparade. Dabei hat sich hinter den Kulissen viel gebessert, wie Cengiz Celik vom Techno-Magazin „Raveline“ berichtet.

          Vor der Loveparade 2001 hatte es Streit gegeben. Nach Terminwirrwarr und einigem Hin und Her über den - letztlich aberkannten - Status des Techno-Events als politische Demonstration hatten sich die ersten Sponsoren abgewendet. In der Szene rumorte es. Die Veranstalter hätten den Bogen überspannt und gegen die Interessen der Techno-Gemeinde gehandelt, lauteten die Vorwürfe.

          Nach der Loveparade ging es hinter den Kulissen zur Sache. FAZ.NET sprach mit Cengiz Celik, als Herausgeber der Techno-Zeitschrift „Raveline“ einer der Szene-Experten, über die Entwicklung.

          Sie hatten im Vorfeld der Loveparade im vergangenen Jahr den Veranstaltern Inkompetenz im Umgang mit Sponsoren und den Medien vorgeworfen. Was ist daraus geworden?

          Unsere Zeitschrift "Raveline" war in der Techno-Szene der größte Kritiker der Loveparade-Veranstalter. Nach der Parade sind wir erst einmal aus allen Komitees rausgeflogen, man hat uns boykottiert. Etwas später wurde dann die Geschäftsführung der Loveparade ausgetauscht.

          Sieht trotz der Krise eine Chance: „Raveline”-Herausgeber Cengiz Celik

          Der neue Geschäftsführer, Fabian Lenz, kommt aus der Szene, er war beim Plattenlabel Low Spirit und den Mayday-Veranstaltern, die auch zwei Gesellschafter der Loveparade GmbH stellen. Er hat sich die Kritikpunkte der Szene zu Herzen genommen und viel verändert. Weil er aus dem gleichen Umfeld kommt, hat er auch ein offenes Ohr. Die Loveparade GmbH hat sich um 180 Grad gedreht. Zum ersten Mal bestimmen nicht mehr die Veranstalter allein, welche DJs auf der Loveparade auflegen, sondern die Szene wird befragt. Die Anmeldebedingungen für die Wagen werden nicht mehr in letzter Minute geregelt, sondern wir wissen schon seit Januar, woran wir sind. Wir sind sogar gefragt worden: Was ist euch wichtig, was sollten wir anders machen? Das ist alles auf einem guten Weg.

          Wie haben Sie auf diesen neuen Kurs reagiert?

          Wir haben gemerkt, dass sie bereit sind, auf uns einzugehen. Viele unserer alten Forderungen sind erfüllt worden. Das kann die Grundlage für eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit werden. Der neue Geschäftsführer muss natürlich die Altlasten erst einmal beseitigen. Das Vertrauen der Sponsoren, das in den letzten Jahren zerstört worden ist, muss wieder aufgebaut werden. Die großen Sponsoren werden zukünftig nicht mehr von zwei Leuten der Loveparade betreut, sondern jetzt wurden Agenturen damit beauftragt.

          Wie ist das Interesse der Sponsoren in diesem Jahr?

          Die Sponsoring-Situation sieht im Augenblick grundsätzlich sehr schlecht aus. Und weil es kaum Sponsoren gibt, die auch Geld bringen, hat die Loveparade GmbH beschlossen, noch einmal 4.000 Euro Sponsorgebühren von den Wagenbetreibern zu verlangen. Das war natürlich für viele Wagenbetreiber eine Katastrophe. Und es kam viel zu spät.

          Von einem Tag auf den anderen sollten die Wagenbetreiber 4.000 Euro zusätzlich zahlen?

          Auf einem Meeting Anfang des Jahres wurden Ideen zur Finanzierung der Loveparade diskutiert. Die Startgebühr für die Wagenbetreiber zu erhöhen oder deren Sponsoren noch mal extra zahlen zu lassen, war da schon im Gespräch. Es ging nur um ganz andere Summen. Auch gab es da noch keine verbindliche Ansage, mit der man hätte kalkulieren können. Wir hatten damals klar gemacht, dass das nicht geht. Dann haben wir erst mal nichts mehr davon gehört. Erst vor drei Wochen haben alle Wagenbetreiber per E-Mail oder per Fax die Info gekriegt, dass die Sponsoren der einzelnen Wagen noch einmal zusätzlich 4.000 Euro bezahlen müssen.

          So kurz vor der Loveparade ist natürlich schon alles fertig: Der Sponsoring-Vertrag ist gemacht, die Hotelzimmer sind schon gebucht, und man kann nicht in letzter Minute absagen. Andererseits bezahlt kein Sponsor so kurzfristig einfach 4.000 Euro zusätzlich. Das bleibt an den Wagenbetreibern hängen.

          Keine nette Geste der Loveparade-Veranstalter.

          Im Nachhinein haben sie dann mit allen noch mal geredet und die Sache erklärt: Wenn sie selbst genug Sponsoren gehabt hätten, hätte man das Geld nicht gefordert. Dieses Jahr ist es ja zum ersten Mal keine Demonstration mehr, sondern eine Veranstaltung, und die Loveparade muss alle Kosten komplett übernehmen. Wie es momentan aussieht, sogar auch noch die Polizei, Abfallentsorgung und so weiter - das wird richtig teuer.

          Welche Ihrer Forderungen aus dem Vorjahr sind noch offen?

          Fabian Lenz ist ja erst im Januar Geschäftsführer geworden. Wir sollten ihn erst nach der Loveparade beurteilen. Dass die Geschäftsführung ausgetauscht wurde und bereit ist, auch über neue, andere Wege nachzudenken, ist schon einmal ein großer Schritt. Im September setzen wir uns dann zusammen und sprechen über die diesjährigen Erfahrungen. Die Einbindung der Szene soll bis zum Jahresende weiter verbessert werden. Die wesentlichen Punkte sind aber bereits erfüllt.

          Wie ließe sich die Situation der Wagenbetreiber verbessern?

          Den Wagenbetreibern werden zu viele Verpflichtungen auferlegt. So ein Wagen muss ja finanziert werden. Die Beschränkung der Werbeflächen auf sechs Quadratmeter pro Wagen muss abgeschafft werden. Andererseits dürfen die Wagen auch nicht aussehen wie Litfass-Säulen.

          Dann brauchen wir eine höhere Planungssicherheit. Dass vier Wochen vor der Parade ein Fax kommt, in dem steht, dass die Loveparade GmbH einen Sponsor exklusiv unter Vertrag hat, und für uns damit Sponsoren aus dem gleichen Marktsegment komplett ausfallen, obwohl es schon Verträge gibt, das darf auch nicht mehr passieren. Dann bleibt ja für die Wagenbetreiber nichts mehr übrig. Wir befürchten, dass die Zahl der Anmeldungen immer weniger wird. Auch in diesem Jahr gab es wieder Absagen. Wir sind dabei geblieben, weil die Loveparade GmbH jetzt jede Unterstützung braucht, die die Szene ihr bieten kann. Es soll ein Zeichen sein. Wir wollen nicht, dass die Parade kaputt geht. Die Parade ist sehr wichtig für die Szene, das darf man nicht vergessen.

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