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Interview : Ralf Dahrendorf: Die Deutschen sind zu missmutig

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Brite aus Überzeugung: Lord Ralf Dahrendorf Bild: dpa

Lord Dahrendorf hat seine Erinnerungen veröffentlicht. Ein Gespräch mit dem großen Liberalen über Europa, die FDP und die Krise des deutschen Bildungswesens.

          4 Min.

          Er sagt, er sei ein Leben lang 28 geblieben: Lord Ralf Dahrendorf, bedeutender Vordenker des Liberalismus, viele Jahre Direktor der London School of Economics, davor EU-Kommissar für Außenhandel, heute Baron of Clare Market in the City of Westminster und Mitglied des britischen Oberhauses. Auf der Frankfurter Buchmesse stand Lord Dahrendorf am Stand der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ.NET Rede und Antwort: über sein Buch, Europa, die FDP und die Krise des Bildungswesens.

          Lord Dahrendorf, es gibt Leute, die schreiben mit 40 eine Autobiografie mit 400 Seiten. Sie haben für Ihr überaus reiches Leben nur 200 Seiten gebraucht. Wie haben Sie das geschafft?

          Ich mich auf die ersten 28 Jahre beschränkt und auch spätere Jahre drumherum gebaut. Das machte vieles leichter. Es gibt ja auch eine längere Version. Die habe ich auf Englisch geschrieben. Aber sie gefiel mir nicht und liegt bis heute im Tiefkühlfach. Und da liegt sie gut.

          Warum war das 29. Lebensjahr so entscheidend für Sie?

          Es war das Jahr, indem ich meine Habilitation abschloss und meine erste Professorenstelle antrat. Es war mein wichtigstes Jahr. Dieses 29. Lebensjahr habe ich seither immer in mir getragen. Das ist das Leitmotiv des Buchs.

          Ein Problem des autobiografischen Schreibens ist ja, dass die Erinnerung den Verfasser im Stich lassen kann. Wie sind Sie mit diesem Problem umgegangen?

          Sie sprechen ein echtes Problem an. Es gab da so manche Geschichte, die ich über Jahre sehr blumig erzählt habe. Als ich jetzt noch einmal nachrecherchierte, stellte ich fest, dass ich doch manchmal etwas übertrieben hatte. Nun stand ich vor der Wahl: Bestätige ich die bekannte Version oder enttäusche ich meine Umwelt und gebe damit zu, dass ich übertrieben hatte.

          Ein anderes Thema: Sie haben sich selbst als einen skeptischen Europäer bezeichnet. Der Euro ist jetzt da, die EU-Osterweiterung ist das nächste Etappenziel im Einigungsprozess. Trotzdem scheint die Europa-Begeisterung der Ära Kohl verflogen. Die EU scheint wieder einmal in einer Krise zu sein.

          Solange eine Institution noch in der Lage ist, Krisen zu produzieren, ist sie irgendwie wichtig. Insofern kann man sagen, wenn Sie Recht haben mit der Krise, dann zeigt das die Bedeutung der EU. Nach meiner Meinung liegt das zentrale Problem der Europäischen Union in der großen Lücke zwischen den anspruchsvollen Festreden über entfernte Ziele der europäischen Einheit und der täglichen Realität einer Gemeinschaft, die sich mehr mit dem Geräuschpegel von Baumaschinen beschäftigt als mit den Dingen, die in den Festreden gesagt werden. Wenn diese Lücke nicht geschlossen wird, dann geht das ganze Unternehmen schief.

          Um es an dem angeführten Beispiel des Euros festzumachen: Wenn die Gemeinschaftswährung nicht mehr ist als der Abschluss der Schaffung des Binnenmarktes, dann bleibt die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit groß. Wenn er den Anfang einer intensiveren Zusammenarbeit in der Haushalts- und der Wirtschaftspolitik darstellt, dann kann es sein, dass die Lücke allmählich geschlossen wird. Da ist alles offen.

          Wie könnte die Lücke denn geschlossen werden? Operiert das Raumschiff Brüssel nicht viel zu abgehoben vom Europa der Bürger? Bedarf es hier nicht auch institutioneller Reformen?

          Ich glaube nicht, dass die Reform von Institutionen in diesem Zusammenhang wichtig ist. Ich würde es sehr bedauern, wenn sich der europäische Konvent vor allem mit ganz esoterischen institutionellen Fragen beschäftigen würde, die am Ende doch keinen Bürger interessieren. Es muss tatsächliches politisches Handeln, wahrscheinlich vor allem im Bereich der internationalen Beziehungen hinzukommen, und dafür sieht man gerade im Augenblick kein ernsthaftes Anzeichen. Wenn es ernst wird, divergieren die Mitgliedstaaten der Gemeinschaft, insbesondere die großen, in entscheidender Weise.

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