https://www.faz.net/-gqz-2h1d

Interview : Peter von Polenz: Sprache braucht kein Gesetz

  • Aktualisiert am

Peter von Polenz Bild:

In dieser Woche meldete sich Berlins Innensenator, Eckart Werthebach, mit der Forderung nach einem Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache zu Wort. Der Germanist Peter von Polenz, Verfasser der „Deutschen Sprachgeschichte“, hat gute Gegenargumente.

          Eckart Werthebach trat diese Woche mit einer ungewöhnlichen Forderung an die Öffentlichkeit. Die deutsche Sprache, so Berlins Innensenator, müsse in Schutz genommen werden vor den vielen Fremdeinflüssen. Dafür solle es ein Gesetz geben, eines wie die Franzosen oder die Polen es hätten. Peter von Polenz ist ein Urgestein der Germanistik. Der heute emeritierte Professor verfasste die „Deutsche Sprachgeschichte“, anhand derer sich Generationen von Studenten ausbilden ließen. Auf den Lehrstühlen in Heidelberg und Trier etablierte er Sprachgeschichte als Teil der Gesellschaftsgeschichte und sicherte die Sprachkritik vor dem Purismus und Dogmatismus anderer. FAZ.NET fragte Peter von Polenz nach dem Sinn einer staatlichen Reglementierung von Sprache.

          Herr von Polenz, braucht Deutschland ein Sprachschutzgesetz?

          Nein, wir brauchen kein Sprachschutzgesetz wie in Frankreich, wo der Gebrauch von Fremdwörtern mit gerichtlichen Strafen verfolgt wird und Sprachzensur sowie Sprachschnüffelei betrieben werden. Eher bräuchten wir ein Gesetz für die Förderung der sprachlichen Bildung, mit dem sowohl die Beherrschung der Muttersprache als auch das Erlernen von Fremdsprachen gefördert wird.

          Was haben Sie für Argumente gegen ein solches Gesetz?

          Mein sprachgeschichtliches Argument gegen einen radikalen Sprachschutz ist, dass die deutsche Sprache seit mehr als tausend Jahren, seit der Römerzeit, seit der Einführung des Christentums, durch sprachliche Vorbilder, vom Latein, vom Griechischen, Französischen, vom Englischen bereichert worden ist. Ein Drittel unseres heutigen Deutsch besteht aus Lehnwörtern oder Lehnbildungen nach Vorbild anderer Kultursprachen. Daran hat unsere Sprache keinen Schaden genommen.

          Aber wir erleben doch eine regelrechte Invasion von Anglizismen, bei der Wörter wie „Wellness“, „Branding“, „Usability“ am laufenden Meter einmarschieren.

          Die meisten Anglizismen stammen letztlich aus dem Latein, aus dem Griechischen, dem Französischen. Wörter wie Computer, Information, Nonkonformist, sind ja für die Sprachwissenschaft auch schon keine Fremdwörter mehr. Das sind Internationalismen, die es auch in anderen europäischen Sprachen gibt. Je mehr Wortbestand eine Sprache mit anderen gemeinsam hat, umso größer ist ihre Wettbewerbsfähigkeit. Die englische Sprache selbst besteht zu guter Hälfte aus Wörtern anderer Sprachen, und sie ist ja auch nicht untergegangen, wie wir wissen.

          Ältere Menschen zum Beispiel verstehen diese vielen neuen Wörter nicht mehr. Muss der Staat nicht in dem Moment eingreifen, wenn zu viele Menschen nicht mehr teilhaben?

          In demokratischen Staaten sind die Gesetze zwar hauptsächlich zum Schutz der Rechte aller Staatsbürger da. Und die Sprache ist ein soziales Kommunikationsmittel, das nach der Grundregel funktioniert, sich so auszudrücken, dass es der Partner, der Adressat, für den man schreibt oder zu dem man spricht, verstehen kann. Aber die Beschaffenheit der Sprache muss vom einen zum anderen ausgehandelt werden, da darf der Staat nicht eingreifen. Die Freiheit des Sprachgebrauchs ist vergleichbar zu der unserer Meinung und der unseres Glaubens. Das ist mein verfassungsrechtliches Argument.

          Wer sind die Lobbyisten des deutschen Sprachpurismus? Und welche Chancen geben Sie Ihnen?

          Nun, es ist nur eine Vermutung, ich habe wenig Kontakt zu diesen Leuten. Zum einen gibt es wohl politisch rechtsgerichtete Gruppen, denen der moderne Internationalismus und Europäismus der Nachkriegsepoche nicht behagt. Gruppen, die lieber zum Nationalismus des 19. Jahrhunderts zurückkehren möchten, der uns und unsere Nachbarvölker im 20. Jahrhundert zwei Mal ins Unglück gestürzt hat. Dann gibt es nach meiner Kenntnis die Gruppe der sogenannten Sprachfreunde, die ein kulturelles Pflegebedürfnis zu ihrem Hobby gemacht haben, Sprachpuristen als Sprachkritikaster, also Leute, die Sprache um ihrer selbst willen vor ihrem Sprecher schützen wollen. Chancen haben diese Leute kaum, da ja keine Mehrheiten im Parlament gegen eine Europäisierung, gegen die Globalisierung und für nationale Isolierung besteht. Es bestünde natürlich eine gewisse Gefahr, wenn etwa die Mehrheit der Entscheidungsberechtigten Sprache wieder in traditionell-nationalistischer Weise nicht als praxisbezogenes, soziales Kommunikationsmittel auffassten, sondern als ein zu schützendes Kulturgut wie etwa ein historisches Kunstwerk. Da kämen wir dann bei der Sprachideologie des 19. Jahrhunderts, dem sogenannten 'Sprachnationalismus', aus.

          Wie wird sich die deutsche Sprache entwickeln?

          Sprache entwickelt sich nicht von selbst, sie ist nur ein Abstraktum. Was wirklich existiert, ist der Sprachverkehr der Menschen untereinander - und man sollte nach den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der menschlichen Kommunikation in der heutigen und künftigen Welt fragen. Die deutsche Sprache wird natürlich kaum mehr eine Rolle spielen im internationalen Verkehr, im Militärwesen, in der Computertechnik, in der Informatik, in den Naturwissenschaften, im Außenhandel usw., aber sicherlich eine bleibende Rolle in der Geschichts- und Kulturwissenschaft, im Rechtswesen, im Umweltschutz, in der Sozialpolitik. Deutsch ist niemals eine Weltsprache gewesen, das wird sie auch nicht werden. Sie ist nur eine eher regionale, übernationale und mitteleuropäische Verkehrssprache.

          Welche Fremdsprachen sollten die Deutschen lernen, damit sie in der weiten Welt nicht verloren gehen?

          Bis zur Goethezeit herrschte eine weltoffene, kosmopolitische, mehrsprachige Einstellung. Aber seit den napoleonischen Kriegen hat sich der Nationalismus durchgesetzt, der zu einer verhängnisvollen Einsprachigkeit führte. Heute besinnen wir uns zurück auf unsere Aufgaben als friedliche Mitteleuropäer, die viele Nachbarn mit eigenen hochwertigen Sprachen haben. Also halten wir uns doch an Goethe, von dem es eine handschriftliche Nachbemerkung zum Aufsatz „Die deutsche Sprache“ gibt. Er schreibt: „Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein Fremder unbequem, er aber in der Fremde überall zu Hause sei“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Französische Gefährder-Datei : Attentate trotz „Vermerk S“

          Wie der mutmaßliche Angreifer von Straßburg waren auch die Attentäter von „Charlie Hebdo“ oder vom Bataclan in der französischen Sicherheitsdatei „fichier S“ als Gefährder vermerkt. Anschläge konnten sie trotzdem verüben – trotz verdeckter Überwachung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.