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Scheitern der Piraten : Das Ende der Nerds

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Lauer: Man hat von den anderen Parteien nur die Labels übernommen, ohne sie mit Inhalten zu füllen. Ein Potemkinsches Dorf. Ich bin 2010 dadurch politischer Geschäftsführer geworden, dass wir eine Telefonkonferenz im Bundesvorstand hatten und gefragt wurde, wer politischer Geschäftsführer sein will. Da habe ich gesagt: Dann mach’ ich das. Das war ein Nachahmen von etwas, was gar nicht durchdrungen wurde. Gleichzeitig hieß es: Wir wollen nicht so werden wie die anderen, was bei den Piraten dazu geführt hat, dass sie noch schlimmer geworden sind als die anderen Parteien. Die Piratenpartei war im Grunde die hierarchischste Partei in Deutschland, weil sie nur die Vorstände hatte und die Mitgliederversammlung. Dazwischen gab es fast keine Mechanismen, wie man auf den Vorstand rechtsverbindlich einwirken konnte. Genau das war dann das Anreizsystem, sich in den sozialen Medien verhaltensauffällig zu benehmen, zu schreien, um endlich den Vorstand zu irgendwas zu bewegen.

Warum haben die Piraten die Enthüllungen von Edward Snowden nicht für ihren Bundestagswahlkampf 2013 genutzt?

Lobo: Sie waren nicht so empört, wie sie sinnvollerweise hätten sein sollen. Dabei handelte es sich um eine Diskussion, die die Piraten die ganze Zeit schon geführt hatten. Das Gefühl, überwacht zu werden, oder die Vermutung, dass die Geheimdienste ohnehin alles wissen, die gab es schon sehr lange. Es gab aber niemanden in der Partei, der früh genug erkannt hat, was das für ein Kracher und eine Enthüllung war.

Lauer: Das Einfachste wäre ja gewesen, eine Pressekonferenz zu geben und zu sagen: Wir verlangen von Frau Merkel Aufklärung. Wir verlangen einen Untersuchungsausschuss, eine öffentliche Anhörung. Dass der Botschafter einbestellt wird, dass Obama einbestellt wird. Es kam aber nichts, wir waren gelähmt.

Stattdessen war es der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, der plötzlich nach Moskau gefahren ist und mit Snowden gesprochen hat.

Lobo: Dass das Ströbele war und nicht ein Pirat – eigentlich absurd!

Könnten Sie sich vorstellen, noch einmal eine Partei mitzugründen?

Lauer: Ich kann mir das nach der Fertigstellung dieses Buches zumindest wieder vorstellen. Vielleicht entsteht aus dem politischen Teil der Piraten ja auch etwas Neues.

Lobo: Ich war schon immer einigermaßen froh, nur am Rande der Politik mitzuschwimmen und so eine Art Bürgerlobbyist zu sein aus eigener Überzeugung.

Lauer: Man müsste natürlich einiges anders machen.

Lobo: Es gibt eine interessante Aussage von Gabriele Fischer, die „Brand eins“ gegründet hat, die lautet paraphrasiert ungefähr so: „Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommen würde, aber das war ein großes Glück, denn sonst hätten wir es wahrscheinlich nicht gemacht“. Diese Startnaivität war für die Piratenpartei wichtig. Nur haben die Piraten es nicht geschafft, eine Vision zu entwickeln und das Personal gewähren zu lassen, das diese Vision umsetzte. Politik hat so viel mit Visionen und Köpfen zu tun, weshalb der Slogan „Themen statt Köpfe“ total doof ist. Wenn man Visionen und Personen abschafft, dann fehlt zu viel.

Es gab Marina Weisband.

Lobo: Ja. Und es war wohl kein Zufall, dass es eine zeitliche Koinzidenz gab zwischen dem Erfolg der Partei, der Strahlkraft von Marina Weisband, ihrem Abschied und dem Niedergang der Piraten. Mit ihrer Ankündigung, nicht mehr anzutreten, ist ein Vakuum entstanden, das die Piraten nicht füllen konnten.

Lauer: Marina war eigentlich wie erfunden: eine Frau, jung, intelligent, sympathisch, mit Migrationshintergrund. Ich gebe zu, dass ich manchmal ganz infantil dachte, warum sitzt die da im Fernsehen und ich nicht. Aber sie war ganz groß im Vermitteln eines Gefühls, was die Piratenpartei hätte sein können.

Was war die Piratenpartei?

Lobo: Ein notwendiges, aber vorerst gescheitertes Labor für die digitale Demokratie.

Interview Julia Encke

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