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Scheitern der Piraten : Das Ende der Nerds

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Lobo: Erst mal muss man lernen, mit diesen Instrumenten umzugehen, wobei der Verkürzung auf Twitter eine gewisse soziale Dysfunktion eingebaut zu sein scheint. Diskussionen auf Twitter enden in so großer Prozentzahl in Katastrophen und Konfrontationen, dass man das schon als systemischen Fehler unterstellen kann.

Dann sind sie für die Politik ungeeignet?

Lobo: Twitter ist jedenfalls ungeeignet für eine politische Diskussion.

Lauer: Ich hatte mich ja auch mal für ungefähr ein Jahr aus Twitter zurückgezogen.

Und Facebook?

Lobo: Facebook ist anders ungeeignet. Die Frage, die sich mir stellt: Welche Art von Plattform, von wem und wie kontrolliert, müssen wir schaffen, um digitale Demokratie zu ermöglichen? Die Frage ist noch überhaupt nicht beantwortet, aber die Piraten haben glücklicherweise gezeigt, dass man sie beantworten muss. Und dass die vorhandenen Instrumente noch nicht ausreichen, um sie zu beantworten. Durch soziale Medien findet eine Öffentlichkeitsverschiebung statt. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn man in den 50er Jahren die Gespräche eines durchschnittlichen CSU-Stammtischs veröffentlicht hätte, genug verfassungsfeindliches Material dabei gewesen wäre für ein rückwirkendes Verbot der Partei.

Nur blieb das in den berühmten Hinterzimmern. Die öffentlichen Zerfleischungen von Piraten wurden ja von den Piraten selbst bewusst abgefeiert.

Lobo: Sie haben sich entblößt, mit einem falsch verstandenen Transparenzanspruch.

Lauer: Ich frage mich ja mittlerweile, ob es überhaupt wünschenswert ist, der Politik mit den herkömmlichen sozialen Medien noch ein weiteres Spielfeld zur Inszenierung zu geben. Dieses Versprechen der sozialen Medien, Politik transparenter, erlebbarer zu machen, halte ich an vielen Stellen für, freundlich ausgedrückt, gewagt.

Aber hinter diesen Anspruch kann man jetzt doch nicht mehr zurück?

Lobo: Nein, aber man kann auch nicht so tun, als müsse man sein Verhalten nicht ändern. Ich bin vor dem Erfolg der Piraten eine öffentliche Figur geworden, die mit dem Internet zu tun hatte. Vieles, was einzelne Piratenfunktionäre erlebten, kannte ich schon, weil dahinter weniger Piratenphänomene standen als Netzphänomene. Meine erste große Empörungswelle hat etwas mit mir gemacht: Man kommt auf die Bühne der sozialen Medien, und auf einmal beschimpfen einen zweihundert Leute, auf eine zerrüttende Art, die man vorher noch nicht erlebt hat.

Was macht man da?

Lobo: Man muss als öffentliche Figur Abwehrmechanismen finden und sicher auch härter werden. Und versuchen, in der Öffentlichkeit ein Verständnis dafür zu wecken, welche Ansprüche an öffentliche Figuren oder Politiker legitim sind und welche überzogen. Das ist aber nicht leicht. Die Öffentlichkeit zu erziehen ist in vielen Fällen schon schiefgegangen. Man kommt da sehr schnell in problematisches Fahrwasser.

Die Piratenpartei hatte auch ein strukturelles Problem: Einerseits übernahm man Strukturen von anderen Parteien. Andererseits wollte man die Parteihierarchien durch Schwarmintelligenz ersetzen.

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