https://www.faz.net/-gqz-7tcrc

Interview mit Jonathan Meese : Radikal schön oder radikal irgendwas

  • Aktualisiert am

Privat freundlich und nett, als Kunstfigur radikal und furchteinflößend: Jonathan Meese in seinem Atelier in Berlin Bild: Pein, Andreas

Der Hitlergruß gehört zu ihm wie rote Farbe: Der Künstler Jonathan Meese über das Leben und Schaffen nach dem Freispruch, die Rolle von Geld und wieso es leicht ist, Wagner zu malen.

          7 Min.

          Es war so still um Sie in der letzten Zeit. Was haben Sie gemacht?

          Ich hab’ mich gesammelt und viel gearbeitet. In den letzten Jahren sind viele Sachen passiert, die zwar unangenehm waren, aber sie waren im Nachhinein auch sehr hilfreich für meine Entwicklung.

          Sie meinen den Prozess? Sie waren angezeigt worden, weil Sie bei einer öffentlichen Veranstaltung den Hitlergruß gemacht hatten. Sie wurden freigesprochen.

          Prozess, die Trennung von meiner langjährigen Galerie, die Trennung von vielen Menschen, auch leider von sehr guten Freunden, die gestorben sind. Das sind alles Sachen, die ich in letzter Zeit erlebt habe und erleben musste.

          Erst mal zum Prozess, den wir auf keinen Fall noch mal aufrollen, bitte. Durch den Freispruch dürfen Sie ja jetzt offiziell in Ihrer Rolle als Kunstfigur öffentlich den Hitlergruß machen. Haben Sie da überhaupt noch Lust zu?

          Joah, in Privatperformances mache ich es immer mal wieder. Nach außen hab’ ich’s bisher nicht wieder gebracht. Auf Fotos wird es wieder auftauchen, es stört mich ja nicht. Es gehört zu mir wie rote Farbe.

          Warum eigentlich?

          Ich hab’ mich daran abgearbeitet. Das war für mich eine Angelegenheit, die notwendig war für die Kunst. Das deutsche Gerichtswesen hat es als Kunst anerkannt, und das finde ich wichtig. Damit ist diese Fragestellung auch erledigt. Ich bin ja nicht bei Rot über die Straße gegangen oder habe Steuern hinterzogen, sondern es war eine kunstrelevante Frage.

          Das Grundproblem bestand darin, dass man Sie als Privatperson von der gleichnamigen Kunstfigur zu unterscheiden hat. Ist es nicht anstrengend, sich so sehr mit seiner Person zur Verfügung zu stellen?

          Man muss eine Sache sehen: Ich tauche als Person, real, fast nirgends öffentlich auf. Ich bin in den letzten zehn Jahren vielleicht auf vier Partys in Berlin gewesen. Und doch denken die Leute immer, ich wäre überall. Ausverkauf, heißt es immer, der Meese ist überall, schon wieder dieser Meese. Nein, der Meese, der ist nicht überall - nur seine Kunst. Aber wenn die Kunst stark genug ist, ist das ja auch gerechtfertigt.

          „Die Realität der Kunst ist immer irreal“: Jonathan Messe darf den Hitlergruß in seiner Rolle als Kunstfigur verwenden.

          Andere Künstler können natürlich hinter ihrer Arbeit viel besser verschwinden. Dass das bei Ihnen nicht so ist, haben Sie doch selbst heraufbeschworen, indem Sie sich darin selbst so präsentieren.

          Aber ich geh’ doch von mündigen Bürgern aus, die den Unterschied erkennen zwischen einem „Tatort“- Film und der Realität. Die „Lindenstraße“ ist nicht real, das ist eine Fernsehserie. Und genau so war das mit dem Hitlergruß. Das ist doch keine Realität. Die Realität der Kunst ist immer irreal. Das ist ein Satz, den außer mir leider niemand zu verstehen scheint.

          Sagen Sie ihn noch mal langsam.

          Die Realität der Kunst ist immer irreal. Auf meinen Bildern wird nicht die Realität abgebildet. Selbst wenn ich mich male, ist das nicht die Realität Jonathan Meese. Ich bin kein Illustrator. Das ist der Unterschied zu 99 Prozent aller Kulturschaffenden heute. Die meisten wollen die Realität abbilden. Das ist das Einzige, was sie noch zu sagen haben - ein Kommentar zur mickrigen Realität. Mein Ziel ist das nicht. Für mich besteht ein großer Unterschied zwischen Kultur und Kunst. Meine Galerie wollte mich durchkultivieren. Da habe ich nein danke gesagt.

          Was heißt: durchkultivieren?

          Mundgerecht machen. Zum Designer ausbilden. Dass man die Oberfläche bedient.

          Aber Ihre Galerie - das war Contemporary Fine Arts - hat Sie doch sehr unterstützt und auf Ihrem Werdegang begleitet.

          Dafür bin ich ihr auch dankbar. Bis 2006 war alles prima, danach wurde es zäh.

          Was war denn 2005 noch anders?

          2005 war generell noch eine ganz andere Stimmung. Es ging nicht so viel um Geld, nicht so viel um Gier, nicht so viel um Zynismus und nicht so viel um Kultur. Es ging um Kunst.

          Aber sind Sie nicht auch mit Hilfe Ihrer Galerie so erfolgreich und reich geworden? Sind Sie eigentlich Millionär?

          Ich habe natürlich sehr gut verdient, das ist doch in Ordnung, aber ich stecke alles in Kunst und meine Arbeit.

          Weitere Themen

          Berlinale vor Jubiläums-Festival Video-Seite öffnen

          Neues Führungsduo : Berlinale vor Jubiläums-Festival

          Knapp einen Monat vor Eröffnung der 70. Internationalen Filmfestspiele besuchten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Produktion der Berlinale-Bären. Unterdessen sorgt der Jury-Präsident Jeremy Irons für Schlagzeilen.

          Topmeldungen

          Amazon-Chef Jeff Bezos Mitte Januar bei einem Firmenevent im indischen Neu Delhi.

          Smartphone des Amazon-Gründers : Hat der saudische Kronprinz Jeff Bezos gehackt?

          Einem Bericht zufolge soll der Amazon-Chef von Muhammad Bin Salmans persönlichem Konto eine infizierte Whatsapp-Nachricht bekommen haben. Das wirft Fragen auf, ob es einen Zusammenhang zum ermordeten Dissidenten Jamal Khashoggi gibt. Und zu einem Boulevardskandal um Bezos.

          Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

          1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.