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Interview mit Heinrich August Winkler : Wo fängt der Westen an, wo hört der Osten auf?

  • Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Und was geschieht, wenn der Osten in den Westen wandert? Ein Gespräch mit dem Historiker Heinrich August Winkler über die Frage, was das sei: das Abendland.

          7 Min.

          Herr Professor, was ist das überhaupt: der Westen? Und wo verlaufen seine Grenzen?

          Historisch betrachtet ist der Westen: das lateinische Europa. Jener Teil Europas, der im Mittelalter und darüber hinaus sein spirituelles Zentrum in Rom hatte. Denn das ist der Teil Europas, in dem die Geschichte der Gewaltenteilung beginnt. Die Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, auch die von fürstlicher und ständischer Gewalt. Ich denke an das Wormser Konkordat von 1122 und die Magna Charta von 1215 in England. Und nur dort, wo es diese Vorgeschichte gab, konnte sich die Trennung von gesetzgebender, vollziehender und rechtsprechender Gewalt durchsetzen. Nur im Okzident gab es die großen Emanzipationsprojekte, die Renaissance, die Reformation, die Aufklärung. Im byzantinisch-orthodoxen Osten fand das alles nicht statt.

          Sie nennen die Reformation: War die aber nicht ein Rückschlag?

          Einerseits ja. Das Luthertum hat mit seinem Staatskirchentum eine Veröstlichung Deutschlands bedeutet. Andererseits hat Luther, indem er das individuelle Gewissen aufgewertet hat, einen immensen Beitrag zur Moderne geleistet. Theologisch war die Reformation eine deutsche Revolution, von den weltgeschichtlichen Wirkungen her eine angelsächsische. Es waren englische und amerikanische Nonkonformisten, die als Erste demokratische Ideen entwickelt haben.

          Aber wo verlaufen heute die Grenzen: Wo hört der Westen auf, wo fängt der Osten an?

          Die Trennung zwischen dem lateinischen und dem orthodoxen Europa ist heute noch greifbar - man muss sich nur vor Augen führen, welche Probleme die EU-Mitglieder Bulgarien, Rumänien, Griechenland mit der Gewaltenteilung, mit dem "rule of law", heute noch haben.

          Der Westen besteht also aus Westeuropa und Nordamerika?

          Man kann von einer transatlantischen Kooperation sprechen: Der moderne Westen ist das Ergebnis zweier Revolutionen, der amerikanischen von 1776 und der französischen von 1789. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, wie sie die französische Nationalversammlung verabschiedet hat, war wesentlich inspiriert von Lafayette, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte, und Thomas Jefferson, dem damaligen amerikanischen Botschafter in Paris.

          Die Französische Revolution lief erst auf den Terror, dann auf Napoleon hinaus. Die amerikanische war erfolgreicher.

          Tocqueville hat einmal gesagt, zu Beginn der Französischen Revolution war noch viel von Montesquieu die Rede, also von der Teilung der Gewalten, später nur noch von Rousseau. Und Rousseaus volonté générale, die auch unabhängig vom empirischen Volkswillen postuliert werden kann, ist nicht unbedingt eine demokratische Idee. Auch totalitäre Bewegungen konnten sich immer auf Rousseau berufen.

          Ist seither der Westen nach Osten gewandert? Hat der Westen seine Ostgrenze erweitert?

          Es hat 200 Jahre gedauert, bis sich die Ideen von 1776 und 1789 im ganzen Westen durchgesetzt hatten. Es gab ja viele Länder, die sich dagegen gewehrt haben; am bekanntesten ist der sogenannte deutsche Sonderweg, das Widerstreben der deutschen Eliten, die Volkssouveränität, die repräsentative Demokratie, die unveräußerlichen Menschenrechte zu akzeptieren. Der Erste Weltkrieg war in der Sicht vieler Deutscher auch der Konflikt zwischen Ordnung, Zucht, Innerlichkeit, den "Ideen von 1914" einerseits; Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, den "Ideen von 1789" andererseits.

          Ist Deutschland inzwischen wirklich im Westen angekommen? Hat nicht auch Gerhard Schröder vom deutschen Weg gesprochen? Und spüren deutsche Politiker nicht immer wieder die Versuchung, gewissermaßen die Äquidistanz zu halten, zwischen Russland und Amerika?

          Das Wort vom "deutschen Weg" ist in der Ära Gerhard Schröders kurz aufgetaucht. Und ganz schnell wieder verschwunden. Kein ernsthafter deutscher Politiker wird in Frage stellen, dass Deutschland ein Land des Westens ist, zum atlantischen Bündnis und der Europäischen Union gehört. Die Ideologie der Mittellage hat ausgedient. Was soll sie auch, in einer Zeit, da unser östlicher Nachbar Polen sich dezidiert zum Westen bekennt? Und das entspricht ganz dem historischen Selbstverständnis Polens.

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