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Schriftsteller Yavuz Ekinci : „Kurden werden als Terroristen dargestellt“

Während der Gezi-Prosteste 2013 demonstrierten Türken und Kurden Seite an Seite. Bild: AFP

Yavuz Ekinci ist Schriftsteller und Lehrer. Er stammt aus einem kurdischen Dorf in der Türkei. Ein Gespräch über das Schweigen türkischer Intellektueller angesichts des kurdischen Leids und den Mut Asli Erdogans.

          Herr Ekinci, bezeichnen Sie sich als türkischer oder als kurdischer Schriftsteller?

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Weder noch. Ich sehe mich als Kurde, schreibe aber auf Türkisch. Ich denke, ich bin ein bisschen kurdischer und ein bisschen türkischer Autor.

          Liberale türkische Intellektuelle erleben derzeit ein Maß an Repression, wie sie kurdische Intellektuelle und Künstler schon seit Jahrzehnten erleben müssen.

          Man ist noch nicht auf einer Ebene, denn kurdische Intellektuelle werden einfach ermordet. Zudem sind fast alle kurdischen Zeitungen, Zeitschriften und andere kurdische Medienerzeugnisse verboten worden. Wir haben unsere Stimme eingebüßt. Ich hoffe, dass die türkischen Intellektuellen zu begreifen lernen, dass das ein grundsätzliches Unrecht ist und auch ihre Freiheit bedroht. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, dass das passieren wird.

          Warum nicht?

          Als Cizre, Sirnak, Nusaybin, Diyarbakir und Sur, Städte in denen vor allem Kurden wohnen, 2015 zu Kriegsgebieten gemacht wurden und es furchtbare Übergriffe auf Zivilisten gab, haben die türkischen Intellektuellen kaum reagiert. Sie denken über so vieles nach und reden darüber. Sie sind sehr wortstark, wenn ihnen selbst etwas zustößt. Doch wenn es Kurden betrifft, sind sie eher still. Es gibt dann in der Türkei immer eine einzige große Koalition. Alle sind plötzlich miteinander, und sei es nur, dass sie das Schweigen eint.

          Warum ist das so?

          Es gibt sehr viele Vorurteile gegen Kurden. Die meisten Intellektuellen wollen deshalb nicht an der Seite kurdischer Intellektueller stehen. Und wenn sie es doch tun, dann geschieht es oft mit diesem unschönen Gestus, man setze sich jetzt mal großzügig für den Kurden ein. Es hat dann etwas Erniedrigendes. Ich kann für mich sagen, dass ich ganz bestimmt kein Mitleid will. Und es muss sich auch niemand für mich einsetzen. Was ich aber von einem Intellektuellen erwarte, das ist, dass er eine eigene Position zu politischen Fragen findet, eine klare Haltung hat und diese auch ausdrückt.

          Ich finde, ein Schriftsteller oder Künstler kann per definitionem nicht in den Reihen der Machthaber stehen. Er muss sich mit den Unterdrückten solidarisieren, egal um wen es sich handelt. Es ist wirklich seltsam: Viele scheinen zu glauben, es sei für Kurden normal, Leid zu erfahren. Als sei das ihr unausweichliches Schicksal. Menschen, die so denken, glauben noch an ihren Staat. An Newroz, dem kurdischen Neujahr, ist in Diyarbakir ein Junge von höchstens achtzehn Jahren von der Polizei in aller Öffentlichkeit hingerichtet worden. Ich habe in den sozialen Medien gesehen, dass viele Freunde diese Nachricht nicht einmal geteilt haben.

          So gut wie jeder Kurde in der Türkei kann einen Angehörigen oder Freund nennen, der durch türkische Sicherheitskräfte getötet wurde. Die kurdische Sprache war lange verboten, die kurdische Kultur ist bedroht. Wenn man als Kurde so aufwächst, glaubt man da nicht selbst irgendwann, dass das Entrinnen vor neuem Leid unmöglich ist?

          Ich bin im Südosten in einer solchen Atmosphäre aufgewachsen. In den neunziger Jahren wurde unser Nachbardorf zerstört. Und ja, die Menschen haben oft den Eindruck, dass es kein Entrinnen gibt. In dem Dorf, in dem meine Eltern leben, liegen auf dem Friedhof vierzehn Generationen meiner Vorväter. Als es das erste Mal hieß, es werde vom türkischen Militär evakuiert, sagte mein Vater: Wir können ja vielleicht weg, aber was ist mit unseren Toten? Die Menschen in dieser Region sind sehr verwurzelt. Ihre Welt besteht aus dem Ort, an dem sie sind und schon immer waren. Sie können sich nicht vorstellen, dass es einen anderen für sie gibt. Wir hoffen sehr, dass dieser Krieg irgendwann ein Ende finden kann.

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