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DFG-Präsident : Wer sagt dem König, dass die Füchse auch nicht alles wissen?

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„Zu wichtigen Fragen besitzt das nichtige Erzählen ein eigenes Wissen“: Mediävist Peter Strohschneider, scheidender DFG-Präsident. Bild: dpa

Bilanz einer Amtszeit: Am Montag wird in Berlin Peter Strohschneider, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, verabschiedet. Im Gespräch erklärt der Mediävist, welchen Herausforderungen die DFG gegenübersteht, welche Rolle die Politik dabei spielt – und worüber er als Nächstes forschen wird.

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          Herr Strohschneider, nach so langer Zeit in der Wissenschaftspolitik, erst als Vorsitzender des Wissenschaftsrats, dann als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), haben Sie jetzt wieder wissenschaftliche Pläne?

          Ja, als Erstes habe ich mir einen Essay vorgenommen, der vielleicht „Vorbehaltlichkeit“ heißen könnte. Darin soll es um Motive gehen, die mich in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt haben – Populismus, Exekutivtechnokratie und Szientokratie.

          Sie sehen einen Zusammenhang zwischen Populismus, Technokratie und der Wissenschaft?

          Jedenfalls eine Strukturähnlichkeit, würde ich sagen. In der pluralistischen Gesellschaft muss man zu einer gewissen Vorbehaltlichkeit in der Lage sein. Man muss Positionen vertreten und zugleich anerkennen, dass andere andere Positionen haben, die ebenso legitim sein können. Im demokratischen Verfassungsstaat steht politische Macht unter einer vergleichbaren Vorbehaltlichkeit: Gesetzesvorbehalte, Gerichtsvorbehalte, Mehrheiten können zu Minderheiten werden und umgekehrt, Gesetze entstehen in mehreren Lesungen, welche Reflexion und Kompromisse ermöglichen – vielfältige Formen von Vorbehaltlichkeit, wenn Sie so wollen. Auch die methodische Skepsis der Wissenschaft wäre schließlich ein solcher Modus von Vorbehaltlichkeit. Die aber gerät vielfältig unter Druck, in der Gesellschaft etwa durch Hypermoralisierung oder in der Politik durch den populistischen Anspruch, es gebe ein homogenes Volk und der populistische Führer kenne immer schon dessen Willen, so dass es auf Interessenausgleich und politische Aushandlung gar nicht mehr ankomme. Und auch in dem, was ich Szientokratie nenne, also in der Annahme, Forschung könne nicht nur sagen, was der Fall ist, sondern auch, was der Fall sein solle, ist jene methodische Skepsis de facto kassiert, die man wissenschaftstheoretisch unterstellen muss.

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