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Interview mit den Klarsfelds : Der Bluterguss war eher braun als blau, das passte

  • -Aktualisiert am

Das Ehepaar im Juli 1974 in Paris, nach Beate Klarsfelds Entlassung aus dem Gefängnis, wo sie wegen versuchter Entführung von Kurt Lischka gewesen war. Bild: Piper-Verlag

Beate Klarsfeld wurde berühmt, als sie 1968 den Bundeskanzler ohrfeigte. Zusammen mit ihrem Mann Serge spürte sie ein Leben lang Naziverbrecher auf. Jetzt haben beide ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Ein Gespräch.

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          Sie haben gemeinsam Ihre Autobiographie geschrieben. Ist Ihre politische Arbeit damit abgeschlossen?

          Serge Klarsfeld: Wir werden uns doch jetzt nicht in ein gemütliches Pensionärsleben zurückziehen!

          Sie sind vor kurzem 80 Jahre alt geworden, Ihre Frau ist 76 Jahre alt.

          S. K.: Angesichts der Regionalwahlen hier in Frankreich im Dezember haben wir alle Hände voll zu tun. Der Front National schürt Xenophobie und Antisemitismus. Das bereitet mir als französischem Juden große Sorge. Und Marine Le Pen hat die Präsidentschaftswahl 2017 im Blick. Es gibt Umfragen, die ihren Einzug in die Stichwahl voraussagen. Einige unserer jüdischen Freunde haben Frankreich wegen des Front National schon verlassen. Sie fürchten um ihre Sicherheit. Keinesfalls werden wir oder unser Sohn Arno aufhören, uns gegen die Partei zu stellen.

          Wie tun Sie das?

          Beate Klarsfeld: Wir nehmen an Demonstrationen und Kundgebungen teil und sprechen mit Politikern. Nicolas Sarkozy und François Hollande müssten sich dem Front National verstärkt gemeinsam entgegenstellen.

          Sie sind für Ihre spektakulären Aktionen bekannt, allen voran 1968 die Ohrfeige für den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger.

          B. K.: Arno hat vor einigen Jahren mit einer Aktion gegen den Front National viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Während einer Veranstaltung von Jean-Marie Le Pen rannte er aufs Podium - er trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Le Pen-Nazi“. Dessen Leibwächter schlugen Arno so zusammen, dass er auf einem Auge nie wieder die volle Sehkraft erreichte. Auf Twitter und Facebook wird gegen Arno gehetzt; er bekommt anonyme Morddrohungen - wir kennen das auch, aber deshalb kann man ja nicht seinen Mund halten.

          Beate und Serge Klarsfeld im Oktober 1992 vor der deutschen Botschaft in Paris
          Beate und Serge Klarsfeld im Oktober 1992 vor der deutschen Botschaft in Paris : Bild: Reuters

          Wie leben Sie mit der Unsicherheit?

          B. K.: Jeder Mensch wird ja mit bestimmten Eigenschaften geboren. Ich habe mich schon als Kind für Schwächere eingesetzt. Das verärgerte die, die meinten, den Ton anzugeben - eine Konsequenz, mit der ich leben musste. Und muss. Nur weil man in der Minderheit ist, heißt das nicht, dass man nicht recht hat; das hat unser Engagement gegen die Naziverbrecher ja deutlich gezeigt.

          Ist es schwerer, seinen Sohn in Gefahr zu wissen, als die Gefährdung der eigenen Person auszuhalten?

          B. K.: Es klingt irrational, aber wir sind überzeugt, dass uns nichts passiert ist, weil wir der Angst gar nicht erst erlaubten, sich in unseren Köpfen festzusetzen - so gehen wir auch mit Arnos Gefährdung um. Wir sagen uns: Bislang hatten wir immer Glück, so wird es bleiben.

          Sie standen jahrelang unter Polizeischutz.

          S. K.: Arno auch jetzt noch. Das bedeutet keinen absoluten Schutz. Bei dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ wurde der Polizist auch erschossen.

          B. K.: Das ist der Preis unserer Arbeit. Es gibt immer ein Risiko, zu Schaden zu kommen. Als ich Kiesinger ohrfeigte, hätte es passieren können, dass einer seiner Leibwächter auf mich schießt. So nah, wie ich ihm kam, hätte ich ihn viel stärker verletzen können, was natürlich nie meine Absicht war. Aber das wusste ja keiner aus seinem Umfeld.

          S. K.: Die schlimmste Bedrohung war eigentlich die, die auch vor unseren Kindern nicht haltmachte, als sie klein waren. Arno hat sich als erwachsener Mann bewusst dafür entschieden, für sein Engagement sein Leben aufs Spiel zu setzen. Als er klein war, vier Jahre vielleicht, wurde bei uns zu Hause ein Paket abgeliefert. Meine Mutter nahm es an.

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