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Interview mit Auma Obama : „Der Westen muss bescheidener werden“

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Man redet so oft davon, was es bedeutet, dass Barack Obama der erste Schwarze im Weißen Haus ist. Aber er ist auch der erste Präsident, dessen Familiengeschichte auch die Geschichte einer ganz anderen Welterfahrung ist.

Ja. Er ist aber in erste Linie ein Amerikaner. Wir sind seine Geschichte, sein Erbe. Und er weiß das zu schätzen, er weiß, er kann auch über Dinge reden, über die ein anderer Präsident nicht so leicht reden kann. Er hat ein anderes Bewusstsein dafür, wie die andere Hälfte der Welt lebt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein aus einem Land des Südens.

Als dieser Süden noch vom Westen kolonisiert wurde, haben die Kolonialherren gesagt: Um etwas zu werden, müsst ihr werden wie wir. Was zu fürchterlichen Problemen geführt hat. Ihr Ansatz bei „Sauti Kuu“ wäre also andersherum zu sagen: Ihr sollt zu dem werden, was in euch steckt?

Ja.

Und gleichzeitig verliert der Westen an Anziehungskraft.

Der Westen hat sich immer selbst als großes Vorbild gegeben, aber dann muss er dafür auch einstehen und sich würdig zeigen. Wir arbeiten mit den Jugendlichen daran, dass sie ein eigenes Bewusstsein entwickeln, davon, dass sie existieren, dass sie wichtig sind, dass sie ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben haben. Und dazu gehört auch, dass man informiert ist. Und je mehr man über die Weltumstände erfährt, desto weniger wird der Westen zum Vorbild. Der hat seine eigenen Probleme, sehr viele sogar, und manchmal ist er auch ein schlechtes Vorbild, wenn man zum Beispiel an den Jahrhunderte langen, verantwortungslosen Umgang mit der Umwelt denkt. Der Westen muss bescheidener werden. Und ehrlicher, das sage ich immer. Und manchmal bereit sein, draußen vor der Tür zu stehen und nicht reinkommen zu dürfen, weil sein Rat und seine Tat nicht angesagt sind. Und wenn er mitwirkt, soll dieses Mitwirken ein Zusammenarbeit in Partnerschaft sein. Einwicklungsarbeit ist immer ein Geschäft, von Philanthropie kann man reden, aber letztendlich geht es darum: Was habe ich davon? Das sage ich auch immer den Jugendlichen: Fragt euch, was für euch dabei rausspringt. Deswegen ist Kommunikation so wichtig für mich: Wenn die Leute nicht informiert sind, kann man ihnen alles Mögliche erzählen, und sie glauben es trotzdem, weil sie kein Gegenbild haben.

Und deswegen sind Sie hier in Berlin und sprechen mit Google?

Die Jugendlichen, mit denen ich arbeite, leben sehr abgelegen auf dem Land, die haben keine Computer, kein Internet, die haben teilweise nicht einmal Strom in ihren Blechhütten. Wir wollen mit Google versuchen, diese Jugendliche an die neuen Informationstechnologien heranzuführen, und sehen, wie das ihr Leben verändern kann. Natürlich kontrollieren wir das. Es kann ja auch viele Sehnsüchte wecken und Schaden anrichten.

Da prallen die Welten ziemlich aufeinander.

Aber der Mensch kann das. Mit der richtigen Unterstützung kann das Gehirn sehr viel verarbeiten.

Die Fragen stellte Tobias Rüther.

Auma Obama

Barack Obamas Schwester Auma wurde 1960 in Kenia geboren. Die beiden trafen sich zum ersten Mal 1984, zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters, etwas später hat sie den heutigen amerikanischen Präsidenten nach Hause eingeladen, damit er den kenianischen Teil seiner Familie kennenlernt. Auma Obama wurde 1996 mit einer Arbeit über den Schriftsteller Uwe Timm in Bayreuth promoviert. Ihre Lebensgeschichte hat sie im Buch „Das Leben kommt immer dazwischen“ erzählt – auf Deutsch. Bis zum vorigen Jahr hat sie bei der Entwicklungsorganisation Care gearbeitet, seitdem engagiert sie sich mit ihrer eigenen Stiftung, Sauti Kuu, zu Deutsch „Starke Stimmen“, für benachteiligte Kinder und Jugendliche in Afrika, aber nicht nur dort, denen sie mit Programmen zu Sport, Bildung und Ernährung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen will. Auma Obama hat eine Tochter und lebt in Nairobi.

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