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Helmut Schmidt : Auch ein Gott kann uns nicht retten

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Helmut Schmidt Bild: Holde Schneider

Religion, Politik und der ewige Friede: Als Elder Statesman nahm er auch nach seiner Kanzlerzeit Einfluss auf das Weltgeschehen und war ein scharfsinniger Beobachter. Ein Gespräch mit Helmut Schmidt über die letzten Dinge - geführt 2011.

          8 Min.

          Die Vorkämpfer des Rauchverbots haben Sie gelegentlich mit den Wiedertäufern verglichen. Damit haben Sie ein Bild verwendet, das viele der Angesprochenen vielleicht gar nicht mehr verstehen. Inwieweit haben Sie sich die politische Welt aus Erinnerungen an die deutsche Religionsgeschichte verständlich machen können?

          Meine Vorstellung von der gegenwärtigen Welt hat sich nur zu einem kleinen Teil aus Erinnerungen und Schlussfolgerungen aus der deutschen Geschichte gebildet. Sie hat sich zu einem viel größeren Teil gebildet aus Eindrücken, Erinnerungen und Schlussfolgerungen anderer Nationen und anderer Erdteile. Dazu gehören in historischer Reihenfolge gleichzeitig der Islam insgesamt und die chinesische Zivilisation, die die älteste der Weltgeschichte ist, die noch lebt. Dazu gehört natürlich die Befassung mit den alten Griechen und den alten Ägyptern, immerhin eine Hochkultur über beinahe dreitausend Jahre. Die Chinesen haben nach anderthalb Jahrhunderten der Demütigung einen exorbitanten Aufschwung an Vitalität erlebt und an Leistung. Das ist für mich mindestens so wichtig wie irgendein Ausschnitt aus der deutschen Geschichte. Ebenso gehören natürlich dazu der Untergang einer Reihe von Hochkulturen, ob im Zweistromland oder in Lateinamerika, der Azteken, Inkas und Tolteken. Meine Vorstellung der heutigen Welt steht auch unter dem Einfluss meiner verstorbenen Frau, die Naturwissenschaftlerin war und von Jugend auf eine unbeirrbare Anhängerin von Charles Darwin und solchen Leuten.

          Ein enthusiastischer Anhänger Darwins ist der Biologe Richard Dawkins, einer der Wortführer der „neuen Atheisten“. Er verweist gerne darauf, dass unter den Naturwissenschaftlern zumal an Spitzenuniversitäten der überlieferte Gottesglaube im Aussterben begriffen sei. Was halten sie von religionssoziologischer Empirie dieser Art?

          Ich finde sie nicht sonderlich interessant. Es geht mich eigentlich nichts an. Es wird sicherlich dabei bleiben, dass der Mensch vieles von dem, was die Welt ausmacht, nicht begreift. Und das kann er dann Gott nennen, oder er kann es Schicksal nennen, oder er kann hoffen, ins Nirwana einzugehen. Die Menschheit wird dabei bleiben, zu wissen, dass sie nicht alles begreifen kann. Nehmen Sie die moderne Mikromedizin und alles das, was die Zellforscher herausgefunden haben. Und die Tatsache, dass wir längst wissen, dass das Atom keineswegs unteilbar ist, obwohl es immer noch so heißt. Immer neue Rätsel treten auf, immer neue Fragen werden gestellt, dann werden sie teilweise gelöst, und dahinter treten immer wieder neue Fragen auf. Die Vorstellung, dass es Dinge gibt, die wir nicht begreifen, und dass sie möglicherweise zusammenhängen, wird es immer geben, und bei primitiveren Geistern besteht nun einmal das Bedürfnis, diese Vorstellung eines Zusammenhangs zu personifizieren. Das Schlimme an den gegenwärtigen Religionen ist, dass sie sich gegenseitig bekämpfen. Es bekämpfen ja nicht nur die Atheisten die Religion schlechthin, sondern alle Religionen bekämpfen sich. Fast alle. Das ist das Schreckliche. Ich bin erleuchtet, und du? Was ist mit dir? Ich bin Gott wohlgefällig, du kommst in die Hölle. Aber ich habe ja ein Schwert und kann dich mit dem Schwert dazu zwingen, meinen Glauben zu akzeptieren, und dann kommst du auch in den Himmel. Diese Einstellung ist für die allermeisten Religionen ziemlich typisch. Das ist das Schreckliche. Auf diese Weise wird das Prinzip des Krieges am Leben gehalten.

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