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Interview : Mario Adorf: „Ich hatte Zweifel an diesem Film“

  • Aktualisiert am

„Die NS-Zeit hat mich geprägt”: Mario Adorf Bild: dpa

Interview mit Mario Adorf über seinen neuen Film „Epsteins Nacht“ und sein Verhältnis zum Thema Holocaust.

          3 Min.

          Das Thema Holocaust beschäftigt auch die Menschen heute. Das zeigen die vielen Besucher des Films „Der Pianist“. Wer sich bei dem neuen Polanski-Film im Kino umsieht, dem fällt auf, dass das Thema entgegen der allgemeinen Auffassung besonders junge Menschen zu interessieren scheint. Jetzt versucht sich auch ein deutscher Film wieder an einem Holocaust-Stoff.

          „Epsteins Nacht“ von Urs Egger (“Opernball“) erzählt die Geschichte dreier Männer, die in einem Priester ihren KZ-Wächter wiedererkennen. Der Film wartet mit großer Starbesetzung auf: Mario Adorf, Otto Tausig, Bruno Ganz, Günter Lamprecht, Nina Hoss und Annie Girardot spielen mit. FAZ.NET sprach mit Mario Adorf über seine Rolle und sein Verhältnis zur NS-Zeit.

          Wie war es für Sie, einen Holocaust-Überlebenden zu spielen? War es nicht schwierig, sich in eine derartig schlimme Erfahrungswelt hineinzuversetzen?

          Es gibt natürlich extreme Erfahrungen bei Figuren, und es ist für den Schauspieler immer schwer, sich in sie hineinzufinden. Es wäre auch vermessen zu sagen, dass einem das vollkommen gelingen kann. In „Semmeling“ habe ich einen Krebskranken gespielt. Es macht natürlich große Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie man sich fühlt, wenn man morgen die Diagnose bekäme, dass man Krebs hat. Es ist fast unmöglich, das zu spielen. Man kann sich nur bemühen, so weit wie möglich an die Thematik heranzukommen, so zu spielen, dass es glaubhaft ist. Das gilt auch bei einem Holocaust-Überlebenden. Ich behaupte nicht, dass mir das hundertprozentig gelungen ist. Das wird das Publikum beurteilen.

          Haben Sie mit Überlebenden gesprochen, um sich auf die Rolle vorzubereiten?

          Bei dem Krebskranken hatte ich das gemacht. In diesem Fall nicht. Ich habe versucht, die Rolle mit den Mitteln zu spielen, die mir als Schauspieler zur Verfügung stehen.

          Welche Bedeutung hatten NS-Zeit und Holocaust in Ihrem Leben?

          Was die NS-Zeit angeht, da denke ich, vieles ist Schicksal, besonders, wenn man noch sehr jung ist. Als ich ein Junge war, erlebte ich die Reichskristallnacht. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie am nächsten Tag meine Mitschüler herumliefen und Bonbons anboten. Sie sagten stolz, das seien Bonbons aus jüdischen Geschäften. Ich war an dem Tag nicht in der Schule, sondern zuhause. Meine Mutter stand am Fenster und weinte. Sie sagte: Die armen Menschen. Diese Situation hat mich sehr geprägt. Aber ich weiß: Wenn ich an dem Tag in der Schule gewesen wäre, hätte ich vielleicht auch die jüdischen Bonbons verteilt.

          Was die Zeit nach dem Krieg betrifft: Wenn man zu meiner Generation gehört, war das Kriegsende ein unglaublicher Einschnitt. Man fragte sich, was hat man, was haben die Nazis, mit dir gemacht. Diese Frage hat damals eine große Wut in mir hervorgerufen und ein großes Mitgefühl für die Opfer. Daher hatte ich immer ein sehr nahes Verhältnis zu den Opfern. Ich habe nie einen Überlebenden des Holocausts wirklich kennengelernt.

          Aber ich habe die Emigraten kennengelernt, Leute, die in der Emigration gelitten haben. Darunter waren große Schauspieler, die plötzlich dastanden mit Nichts in den Händen: ohne Arbeit, ohne Sprache, Leute wie Fritz Kortner und Billy Wilder. Die Bewegungen mit diesen Menschen haben dazu geführt, dass ich gesagt habe: Das soll dir nicht passieren. Also habe ich erst einmal Sprachen gelernt. Ich nahm mir vor, immer Sprachen zu können, wenn ich einmal würde flüchten müssen, und in anderen Sprachen auch arbeiten zu können. Dass mir gelungen ist, habe ich dem Einfluss dieser Leute zu verdanken.

          Interessiert sich die junge Generation in Deutschland heute noch für das Thema?

          Falls sie es nicht tut, darf man sich mit dem Desinteresse nicht abfinden. Das ist nicht festgemauert. Das entsteht manchmal durch falsche Lehrer oder nicht so gute Lehrer. Man muss dann immer neue Mittel finden, die Jugendlichen zu interessieren. Ich glaube nicht, dass das Interesse, so es denn tatsächlich nachlässt, ein für alle Mal erloschen ist und jederzeit geweckt werden kann. Deshalb dreht man ja einen solchen Film. Und mir ist es dabei immer ein Anliegen, die jungen Leute zu erreichen.

          Heute hat jemand von der ARD behauptet, dass er diesen Film im Dritten Programm sehen würde, nicht aber im Ersten, und dass sich für einen solchen Film nur drei Prozent des Publikums interessieren. Irritiert Sie so eine Aussage?

          Man muss erstmal sehen. Ich weiß nicht, welche Möglichkeiten wir haben, in einen Sender zu kommen. Sicher wissen wir, dass, wenn es Arte oder 3sat oder die dritten Programme sind, wir dann keine großen Chancen haben, von vielen gesehen zu werden. Aber ich finde auch drei Prozent der Zuschauer gar nicht so schlecht. So machen etwa alle Leute, die sich für Oper interessieren, fünf Prozent der Bevölkerung aus. Wir wissen, auch, dass der deutsche Film Schwierigkeiten hat, vom Publikum ernstgenommen zu werden. Auch daran muss man immer wieder arbeiten und sagen: Das kann nicht endgültig sein.

          Man hört, dass eine Geschichte, wie sie der Film erzählt, wirklich ganz ähnlich vorgekommen sein soll.

          Während der Dreharbeiten in Wien traf ich einen Mann, der selbst einen Emaille-Fabrikanten namens Adler kannte. Dieser Mann hatte kurz nach dem Krieg gemeinsam mit zwei Freunden an einer Straßenbahnhaltestelle in einem Priester den Folterknecht aus dem KZ wiedererkannt. Die drei ehemaligen KZ-Häftlinge waren aufgebracht. Sie hielten den Mann fest. Eine britische Militärstreife wurde gerufen. Der Mann wurde festgenommen, ziemlich schnell verurteilt und gehenkt. Am Anfang hatte ich leise Zweifel, ob die Geschichte, die wir erzählen, denn wirklich glaubwürdig ist oder ob sie nicht zu konstruiert wirkt. Ich war daher sehr erstaunt, dass es den Fall wirklich gegeben hat. Heute glaube ich, dass es ihn öfter gegeben hat, als wir ahnen.

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