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Interview : Mareike S. - hochbegabt und knapp versetzt

  • Aktualisiert am

Mareike wollte kein Bild von sich, sie wünschte sich stattdessen Jostein Gaarder Bild:

Es ist nicht leicht, mit einer erwiesenen Hochbegabung zu leben. FAZ.NET sprach mit einer 15-jährigen „Mensanerin“.

          Mareike ist 15. Sie hat einen IQ von 139, geht auf eine öffentliche Schule und erreichte zuletzt einen Notendurchschnitt von 3,8 - das ist „knapp versetzt“. In Latein und Mathematik - eigentlich Domänen von Hochbegabten - bekam sie gerade einmal eine 4.

          Ihre Hobbies sind: Gitarre spielen, Babysitten, Kinder- und Jugendpsychologie sowie philosophische Diskussionen. Später möchte sie Psychologie oder Jura studieren. Mareikes Zuhause entspricht einem kleinen „Mensa“-Club: die Eltern und ihre Schwester sind „Mensaner“. Die Eltern lernten sich schon bei den „Mensanern“ dem Club der Hochbegabten kennen. Gegenüber FAZ.NET sprach Mareike über die Probleme, die eine Hochbegabung in der Schule und im Alltag mit sich bringen kann.

          Du möchtest nicht, dass wir deinen vollständigen Namen und ein Bild von dir veröffentlichen. Warum?

          Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht und möchte nicht mehr so herausgehoben werden. Einer regionalen Zeitung habe ich mal ein Interview zum Thema „verkürzte Schulzeit“ gegeben und das erschien dann gleich auf der ersten Seite im Lokalteil unter der Überschrift „Die hochbegabte Mareike S. hat Selbstmordgedanken“ und so weiter. In dem Interview sprach ich davon, dass ich mich in der fünften und sechsten Klasse gemobbt gefühlt und mit Selbstmord-Gedanken gespielt hatte. Mittlerweile war ich aber in der neunten Klasse und das Verhältnis zu meinen Mitschülern hatte sich sehr verbessert. Das ging aus dem Artikel aber nicht hervor und einige Klassenkameraden haben dann meine kritischen Bemerkungen auf sich bezogen und nicht mehr mit mir gesprochen.

          Wurdest du weiter angefeindet?

          Nein, sie haben einfach nicht mehr mit mir geredet, mich total ignoriert, nicht mehr „Hallo“ gesagt und so weiter. Als in der Zeit dann auch noch ein Lehrer auf meine schlechten Noten angespielt hat, bin ich total ausgeflippt: „Ihr könnt mich alle mal, ich gehe nach Hause!“ habe ich geschrien und bin aus der Klasse gelaufen. Am nächsten Tag war die Sache dann aber gegessen und seitdem läuft es wieder ganz gut in der Schule.

          Nun bist du ja durch besonders gute Noten bei deinen Mitschülern nicht unangenehm aufgefallen. Wie machte sich deine Andersartigkeit bemerkbar?

          Ich denke, es liegt daran, wie man Dinge angeht. Mich hat auch vieles von dem, worüber die anderen gesprochen haben, nicht interessiert. Ich fand das alles ziemlich langweilig und habe mich da auch selbst ausgegrenzt. Andererseits hat es mich verletzt, dass die mich ausgegrenzt haben. Auch die Lehrer hatten wenig Verständnis für mich. Viele sagten, ich gehöre eigentlich auf eine andere Schule. Und man hängt dann da, weiß, dass man eigentlich anders ist und verliert total die Lust.

          Bist du jemals damit aufgezogen worden, dass du Mensanerin bist?

          Ja. Kurz nach dem eben erwähnten Artikel. Ich war shoppen und zwei Typen, die ich kaum kannte, machten mich runter: „Oh, Mensaner shoppen hier. Dann verlassen wir die Shoopping-Zeile wohl besser. Wir sind ja viel zu dumm.“

          Wann hast du gemerkt, dass du eine besondere Auffassungsgabe hast?

          Im Kindergarten schon. Ich habe Sachen schneller verstanden und mich schneller gelangweilt. Heute ist es zum Beispiel in Mathe so, dass ich das Grundprinzip verstehe, während es viele noch nicht verstanden haben. Dann schalte ich aber total ab und die anderen sind dann plötzlich viel weiter. Irgendwann hinke ich dann endlos hinterher und kapiere nichts mehr.

          Fühlst du dich individuell gefördert?

          Nö.

          Sind deine Freundinnen und Freunde größtenteils Mensaner?

          Nur teilweise. In der Schule nicht - obwohl ich ein paar Freundinnen als hochbegabt einschätzen würde. Einige wollen jetzt den Test machen.

          Was empfindest du als angenehm, wenn du mit anderen Mensanern zusammen bist?

          Es gibt so eine gewisse Selbstironie bei Mensa. Das liebe ich. Viele von uns verarschen sich laufend selbst. Es ist immer abwechslungsreich. Es kommt oft vor, dass wir von einem Thema zum anderen hüpfen, ohne Übergang.

          Macht eine Hochbegabung das Leben insgesamt leichter oder schwerer?

          Ich weiß nicht, was leichter ist. Sich anpassen und Modedrogen nehmen oder seinen eigenen Weg gehen.

          Willst du jetzt deine Leistungen in der Schule verbessern?

          Ja. Ich bekomme demnächst Nachhilfe, unter anderem auch von meiner Mutter, und dann bekommen wir die Sachen schon gebacken.

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