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Interview : Lars von Trier: „Der Mensch ist ein krankes Tier“

  • Aktualisiert am

So schön wie nie zuvor: Nicole Kidman in „Dogville” Bild: dpa

Theaterregisseur Stefan Bachmann spricht mit Lars von Trier über dessen Film "Dogville", eine Parabel von Schuld und Sühne, Rache und Moral.

          6 Min.

          Spätestens seit "Breaking the Waves" (1996) oder "Dancer in the Dark" (2000) gilt der Dogma-Erfinder Lars von Trier, 47, als einer der exzentrischsten und aufregendsten Regisseure. Auch sein neuer Film "Dogville" ist wieder eine Parabel von Schuld und Sühne, Rache und Moral, wenn Nicole Kidman in eine bösartige amerikanische Kleinstadtidylle gerät. Obwohl notorisch interviewscheu, hat der Däne sich auf ein Gespräch mit Stefan Bachmann, 37, eingelassen. Der Theaterregisseur war bis vor kurzem Schauspieldirektor in Basel und geht demnächst im VW-Bus auf Weltreise.

          Lars, du läßt deine Filmfiguren Höllenqualen durchleiden, bist du ein Sadist?

          Keine Ahnung, und wenn schon, es wäre mir auch egal. Ich weiß nur, daß jegliche Art von psychischer oder physischer Folter in einem Film dramaturgisch gesehen großartig ist. Der Schriftsteller Alexandre Dumas empfahl allen werdenden Autoren: "Quäle die Heldin!" Diesen Rat kann ich nur weitergeben.

          In "Breaking the Waves" muß die Heldin Bess auf Wunsch ihres Ehemanns mit anderen Männern schlafen, in "Dancer in the Dark" wird Selma aufgehängt, und in "Dogville" hast du dir für Grace eine ganze Reihe von extremen Demütigungen ausgedacht.

          Ein Film muß weh tun wie ein Stein im Schuh. Es gibt doch keinen anderen Grund, ins Kino zu gehen. Wenn man was Schönes erleben will, ist Sex dazu besser. Oder Kanufahren.

          Trotzdem, in "Dogville" wird Nicole Kidman alias Grace wie Vieh . . .

          . . . hör auf und spiel jetzt nicht den Moralisten. Eine Portion Grausamkeit steckt in jedem Menschen, ich lebe sie einfach in meinen Filmen aus. Wobei ich, was Grace' Spielchen am Ende des Films betrifft, zugebe, daß ich mich beim Schreiben überwinden mußte.

          Du hast dich nie gefragt, was das eigentlich für ein Hirn ist, das sich solche Geschichten ausdenkt?

          Der Mensch ist ein krankes Tier, sagt Rousseau. Und ich bin noch nicht so größenwahnsinnig, mich nicht als Menschen zu sehen. Aber vielleicht habe ich auch nur einen etwas altmodischen Kunstanspruch. Kunst muß zeigen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Daran glaube ich.

          Und an Gott.

          Das stimmt, ich bin religiös, ich bin Katholik. Und du, glaubst du an Gott?

          Weiß nicht. Als ich den "Seidenen Schuh" von Paul Claudel probte, war ich fasziniert von der utopischen Kraft, die im Glauben liegen kann. Hast du ein gutes Argument für den Katholizismus?

          Es ist faszinierend, daß man in eine Art ökonomische Beziehung zu Gott tritt. Man sündigt, geht zur Beichte, zahlt seinen Preis, und alles beginnt wieder von vorne. Beziehungen zwischen Menschen sind viel komplizierter, Emotionen lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Mit seiner eigenen Frau zum Beispiel ist man emotional nie quitt.

          Deine Filme sind wie Märchen oder Parabeln, die konsequent bis zum schlimmsten Punkt gedacht sind. Sie leben von dieser Mischung aus Religion, Sex und Besessenheit. Erzeugst du dadurch diese emotionale Dichte?

          Ich glaube eher, es liegt an meiner ungeheuren Sturheit. Ich bin ein pervers sturer Mensch. Entweder es läuft exakt, wie ich will, oder ich mache alle auf dem Set fertig. Meine Lieblingsregisseure waren alle Weltmeister im Stursein. Kubrick zum Beispiel - ein Diktator.

          Du hast die Dogma-Regeln aufgestellt, und in vielen deiner Filme geht es um Individuen, die gegen die Gebote einer Gemeinschaft verstoßen. Woher kommt diese Regelbesessenheit?

          Alle Regisseure, die ich respektiere, haben Regeln, sie haben sie einfach nicht so explizit ausformuliert wie ich. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß Godard ein absoluter Regelneurotiker ist. Gute Kunst entsteht meiner Meinung nach nur aus Begrenzungen. Zugegeben, ich war schon als Kind ein Fan von Regeln und Manifesten. Interessant wird es natürlich erst, wenn man die Regeln bricht.

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