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Interview : Kleines Einmaleins des Raumanzugs

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Ulf Merbold führt 1999 in Bremen das Raumfahrtlabor Spacelab vor

Ulf Merbold führt 1999 in Bremen das Raumfahrtlabor Spacelab vor Bild: dpa

Seit 1983 hat Ulf Merbold an drei ausgedehnten Weltraum-Missionen teilgenommen. FAZ.NET sprach mit ihm über das Tragen von Raumanzügen.

          2 Min.

          Ulf Merbold war dreimal im All. Als erster Westdeutscher und Nicht-Amerikaner konnte er 1983 und 1992 amerikanische Missionen begleiten. Danach hat der 1941 geborene Physiker auch die russische Raumstation Mir besucht. FAZ.NET sprach mit ihm über das Tragen von Raumanzügen.

          Herr Merbold, haben Sie Ihre Raumanzüge noch zu Hause im Schrank?

          Leider nicht. Aber ich hätte gerne einen. Der, den ich bei den Amerikanern trug, musste zurückgegeben werden. Die sogenannten „Pumpkin-Suits“ sind nicht maßgefertigt. Nach dem Flug werden sie gereinigt, in eine Kleiderkammer gehängt und irgendwann von einem anderen Astronauten etwa gleicher Größe getragen. Es gibt vier oder fünf verschiedene Ausführungen.

          Der russische Raumanzug, den ich hatte, wurde dagegen nach Maß geschnitten. Den wollte ich dann gern haben. Ich wäre auch bereit gewesen, dafür zu zahlen. Aber dann war der Anzug in Russland nicht mehr auffindbar. Ich vermute, er hat auf einer Auktion den Besitzer gewechselt.

          Was trägt man eigentlich für Raumanzüge?

          Es gibt zwei verschiedene Arten von Raumanzügen. Diejenigen, mit denen man in den Weltraum startet. Sie werden im Raumschiff getragen und sind für den Fall da, dass die Kapsel beim Aufstieg ein Leck bekäme und Luft verlöre. Und dann gibt es Anzüge, mit denen man aus dem Raumschiff aussteigt. Das sind die großen Anzüge, die auf dem Rücken ein mächtiges Paket haben. Darin befindet sich das Lebenserhaltungs-System, das den Astronauten kühlt, ihn mit Atemluft versorgt und ihm ermöglicht, über Funk mit seinen Kollegen zu kommunizieren. Aus eigener Erfahrung kann ich nur über die Anzüge berichten, die man beim Start und beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zur Sicherheit anzieht.

          Und was trägt man unter dem Raumanzug?

          Man hat zunächst einmal Unterwäsche an. Bei den Amerikanern sogar sehr warme, so wie man sie zum Skifahren benutzt. Das hängt damit zusammen, dass die Shuttles ja über den Atlantik in den Weltraum aufsteigen. Es wird Vorsorge für den Fall getroffen, dass mehr als ein Triebwerk verloren geht, so dass man über dem Atlantik wieder in die Erdatmosphäre eintreten muss. Dann würden die Astronauten mit Fallschirmen abspringen und sich nachher im eiskalten Atlantik wiederfinden. Der Raumanzug in Verbindung mit der warmen Wäsche sorgt dafür, dass der Körper nicht auskühlt.

          Kann man den Anzug im Shuttle ausziehen, wenn man auf der Umlaufbahn ist?

          Sowie man die Umlaufbahn erreicht hat, beobachtet man zunächst sehr sorgfältig, ob der Luftdruck in der Kabine stabil bleibt. Wenn er sich innerhalb einer Stunde nicht verändert ist sichergestellt, dass die Kabine dicht hält. Nur dann zieht man den Anzug aus. Raumanzüge sind wie Ritterrüstungen, sie schränken die Bewegungsfreiheit ungemein ein. Dazu hat man den Helm auf. Wenn man den Kopf zur Seite dreht, dreht sich der Helm ja nicht mit. Also schauen Sie den Helm von innen an. Außerdem muss der Mensch in diesem Anzug ständig gekühlt werden, denn er ist ein so guter Wärme-Isolator, dass man an der eigenen Körperwärme überhitzen würde. Die Kühlung besorgt ein Gebläse. Das funktioniert etwa wie ein Staubsauger und macht auch genau so viel Lärm. Insofern ist jeder bestrebt, den Anzug so schnell wie möglich los zu werden, wenn er im Shuttle nicht mehr nötig ist.

          Sind denn Maschinen in den Anzug eingebaut?

          Nein, das Gebläse ist außerhalb. Ihnen ist vielleicht schon aufgefallen, dass Astronauten auf Gürtel-Höhe einen dicken Schlauch am Anzug haben. Das ist der Schlauch für die Kühlluft. Wenn die Kabine Luft verliert, dann sorgt eine Automatik dafür, dass diese Kühlung sich abschaltet und ein Ventil den Anzug hermetisch schließt. Auf diese Weise bleibt man am Leben.

          Ohne den Druck im Anzug würden in den Blutgefäßen Dampfblasen entstehen, (der Siedepunkt nimmt in der Höhe ab, Anm.d. Red.) ein Notfall, der den sicheren Tod bedeuten würde. Bisher ist dieser Fall niemals eingetreten. Sollte es zum Verlust der Kabinenluft kommen, entfällt die Kühlung in dem dann hermetisch geschlossenen Raumanzug. Weil der Astronaut durch seine eigene Körperwärme überhitzen würde, müßte er innerhalb von weniger als zwei Stunden gelandet sein.

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