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Interview : Kardinal Lehmann: Der Islam ist nicht unser Feind

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Karl Kardinal Lehmann Bild: dpa

Hinter dem Fundamentalismus steckt eine echte Frage und eine falsche Antwort, meint Kardinal Lehmann in einem Gespräch mit FAZ.NET.

          „Die Religion ist keineswegs auf dem Rückzug. Weltweit gesehen erlebt der Islam eine Renaissance, aber auch das Christentum breitet sich vor allem in Asien und Afrika weiter aus. Und das schnellste Land der Moderne, die USA, ist alles andere als gottlos“, schrieb unlängst Karl Kardinal Lehmann (Mainz) in einem Beitrag für „Sonntag Aktuell“. FAZ.NET sprach mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz über den Glauben in Zeiten der Terrors und die Bedeutung des Islam für die christliche Gemeinschaft.

          Kardinal Lehmann, wir leben in einer Zeit des Terrors und der Angst. Hilft uns der Glaube?

          Ja, ich glaube, er hilft uns dabei, uns durch Angst und Schrecken nicht niederdrücken zu lassen. Man sah in den letzten Wochen, wie viele Menschen, die eher in Distanz waren zur Kirche, wieder Gotteshäuser aufgesucht haben - irgendwo lebte ein Rest von Religiosität in ihnen. Und die Angst brachte ganz andere Themen in den Vordergrund. Plötzlich kamen nicht mehr so viele strukturelle, institutionelle Anfragen, sondern ganz existentielle Fragen.

          Es herrsche „große Hilflosigkeit“. Viele Christen hätten vom Islam „null Ahnung“, heißt es in der Informationsbroschüre einer christlich-islamischen Begegnungsstätte. Ist dem so?

          Das scheint mir so. Es ist aber auch nicht leicht. Der Islam ein außerordentlich vielgestaltiges Gebilde. Viele kennen nur bestimmte Facetten von ihm, die einen nur die großartige Mystik, die anderen nur die fundamentalistisch, politisch orientierten Strömungen. Der Koran selbst ist auch ein spannungsvolles, manchmal widersprüchliches Textgebilde, mit dem man sich sehr mühen muss. Dabei gehört der Dialog mit den nicht-christlichen Religionen seit dem 2. Vatikanischen Konzil viel mehr zum kirchlichen Gesamtprogramm, als uns - speziell in Deutschland - bewusst geworden ist. Wir haben ihn wohl nicht so aufgenommen wie andere Länder, die Einwanderer haben; in Frankreich ist er selbstverständlicher.

          Es ist wohl auch sehr schwierig herauszufinden, wer für den authentischen Islam spricht - es gibt kein Lehramt, keine Autorität...

          Das ist ein Problem, das sich einige zunutze machen, also etwa das türkische Religionsministerium, das uns hierzulande Ansprechpartner bietet. Viele Tendenzen im Islam fühlen sich dadurch nicht vertreten, zum Beispiel viele der Alewiten, die hauptsächlich in Syrien beheimatet sind und bei uns etwa 30 Prozent der Muslime ausmachen.

          Sie sagten kürzlich anlässlich der Bischofskonferenz, der Islam sei nicht unser Feind und dürfe es auch nicht werden. Wie sollen wir dem Islam denn begegnen?

          Über den Dialog. Jeder Dialog, der seinen Namen verdient, hat zunächst einmal keine Angst vor der Formulierung von Verschiedenheiten. Es gibt viele Dinge, die geklärt werden müssen, zum Beispiel das Gottesverständnis und das Verhältnis des Gottesbildes zur Gewalt. Der Dialog - etwa über Kreuzzüge und Inquisition - war ja auch in den christlichen Religionen zu keiner Zeit fertig. Man muss an alte Fragen immer wieder neu herangehen. Zweifellos gibt es aber in den drei monotheistischen Religionen, die letztlich alle auf die Abraham-Gestalt des Glaubens zurückgehen, auch viele Gemeinsamkeiten.

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