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Interview : Jürgen Laarmann: „Die Wut auf Berlin ist verständlich“

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Techno-Guru Jürgen Laarmann Bild:

Der ehemalige Loveparade-Gesellschafter erklärt, was die Stadt Berlin falsch gemacht hat - und in welche Richtung sich die Loveparade entwickelt.

          Jürgen Laarmann zählt zu Berlins Techno-Aktivisten der ersten Stunde. Er war bis 1997 Gesellschafter der Loveparade GmbH und Herausgeber der maßgeblichen Techno-Zeitschrift „Frontpage“. Darin verfasste er 1994 sein euphorisches Manifest „Die ravende Gesellschaft“. Heute schreibt Jürgen Laarmann als Kolumnist für deutsche Medien. Mit den „Berlin Mitte Boys“ landete er im letzten Sommer einen kleinen Club-Hit. Zur diesjährigen Loveparade hat er ein Sonderheft "JL-Frontpage" herausgebracht. Jürgen Laarmann hat sich wiederholt kritisch zur Loveparade geäußert. FAZ.NET befragte ihn deshalb zur Situation.

          Herr Laarmann, Sie waren bis 1997 Loveparade-Gesellschafter. Warum sind Sie damals ausgestiegen?

          Das hatte damit zu tun, dass ich mit meinen ehemaligen Partnern von 'Low Spirit' grundlegende Meinungsverschiedenheiten hatte. Es gab keine Grundlage für eine Zusammenarbeit mehr.

          Inwiefern ging es bei diesen „Meinungsverschiedenheiten“ um die Loveparade?

          Ich war immer Gegner von Mottos wie 'Let the sun shine in your heart'. Die Konsequenz ihrer unpolitischen Haltung spürt die Love Parade nun, weil ihr der Status als politische Demonstration aberkannt wurde. Die Loveparade hätte sich nichts vergeben, einige der inhaltlichen Programme, die heute der „Carneval Erotica“ und die „Fuckparade“ vertreten, selbst zu verkünden. Ich habe die Veranstaltung immer als eine Demo für freie Selbstentfaltung und gegen die Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte gesehen.

          Welche Bedeutung hat die Loveparade musikalisch?

          Musikalisch hat die Loveparade überhaupt keine Bedeutung. Seit Jahren sind es die gleichen DJs, die oben stehen. Das ganze ist wie ein „Bizarre-Festival“ der Technoszene. Innovative Strömungen findet man nur in den Clubs.

          Ist die Loveparade also nicht mehr als ein fröhliches Volksfest, eine PR-Veranstaltung für das weltoffene Berlin?

          Nun, für die einen ist es ein kommerzielles Geschäft, für die anderen ist es ein Lebensinhalt, für wieder andere eben ein Volksfest. Natürlich spielt das, was in Berlin gerade geschieht, im Leben vieler Leuten eine große Rolle. Es ist ja bei der „Berlin Loveweek“ auch nicht so, dass da nur einer was aufzieht - die ganze Clubkultur in Deutschland bezieht sich auf dieses Datum. Und dass in Deutschland Leute über die Straße tanzen, anstatt Ausländer anzufallen - das hat schon eine Bedeutung.

          Das klingt ja recht versöhnlich. Haben Sie gar nichts gegen die Loveparade?

          Die Kritik an der Loveparade ist vielfältig, und ich teile sie. Die hohen Wagengebühren müssen nicht sein, die sinnlose Aufrüsterei der Soundsysteme, der Verkauf von Wagenplätzen an 'Marienhof' und 'Big Brother', das einseitige Line-Up an der Siegessäule, die beknackten Fernsehübertragungen... Das hat die Szene abgeschreckt, deswegen nehmen viele nicht mehr teil.

          Es gibt ja auch Kritik am Veranstalter...

          Das ist halt das Problem der Loveparade. Das ist einfach eine Firma, die das maßgeblich bestimmt und nach ihrem Gusto ausrichtet. Mit der muss man sich gut stellen. Die Loveparade repräsentiert eben nicht mehr die ganze Szene und deshalb gibt es eben diese neuen Paraden, diese Abspaltungen und die aktuellen Diskussionen.

          Und wie beurteilen Sie die Rolle des Stadt Berlin in dem Termin-Hickhack der letzten Monate?

          Bestimmte Firmen, wie zum Beispiel das Plattenlabel „Universal“, kommen hierher, weil Berlin als die kreativste Metropole gilt, in der das wilde Nachtleben und der verrückte Underground zuhause sind. Die Clubszene hat also mittlerweile auch eine wirtschaftliche Dimension - und die Stadt Berlin wirbt mit ihrem offenen Image. So gesehen habe ich volles Verständnis dafür, dass die Loveparade-Veranstalter sauer auf die Stadt Berlin sind. Die sind derart hingehalten worden: Hätten sie von dem Sonderflächenantrag im Februar gewusst, dann hätten sie Terminsicherheiten gehabt und alles viel besser organisieren können. Die jetzige Lösung ist definitiv die schlechteste! Jetzt sind alle unzufrieden.

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