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Interview : Josef Bierbichler: Mir fehlt der Wille zur Macht

  • Aktualisiert am

Josef Bierbichler, Schauspieler Bild: Luisa Francia

Der Schauspieler Josef Bierbichler sprach mit FAZ.NET über sein erstes Buch, die Theaterszene und die Wahrhaftigkeit.

          3 Min.

          Der Schauspieler Josef Bierbichler hat ein Buch geschrieben. Keine der üblichen Mimen-Erinnerungen, sondern eine teils literarisch verdichtete, surreal verfremdete Autobiografie, die prompt als wichtigstes Theaterbuch dieses Jahres gewertet wurde. Bierbichler spielt in der Eröffnungs-Premiere der Münchner Kammerspiele, der Uraufführung des Achternbuch-Stückes "Daphne von Andechs".

          Seine Zusammenarbeit mit Herbert Achternbusch hatte Josef Bierbichler in den 70er und 80er Jahren bekannt gemacht. In den 90er Jahren spielte er am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, dem Berliner Ensemble und der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Wiederholt wurde der jetzt 53-Jährige in den vergangenen Jahren zum Schauspieler des Jahres gewählt. Vielen ist Bierbichler noch in der Titelrolle in Jan Schüttes Fernsehfilm "Abschied - Brechts letzter Sommer" in Erinnerung. FAZ.NET sprach mit Josef Bierbichler über sein literarisches Debüt, die Theaterszene und die Wahrhaftigkeit als Passion.

          Herr Bierbichler, wie kommt es eigentlich, dass Sie nun auch als Schriftsteller in Erscheinung treten?

          Ich habe schon seit längerer Zeit kürzere Texte für Zeitungen geschrieben. Zum Buch kam es deshalb, weil Karl-Heinz Braun vom Verlag der Autoren mir vorgeschlagen hat, ich solle den Versuch unternehmen, dann würde er als Verlag eventuell zur Verfügung stehen. Dann habe ich noch zwei Jahre gewartet und mich schließlich entschlossen, das Buch innerhalb eines Jahres fertig zu stellen.

          War der Schreibprozess eher lustvoll oder eher anstrengend?

          Am Anfang war es mühselig. Ich wusste nicht, ob ich bloß vorhandene Texte aneinander reihen soll und hatte diese unglaubliche Hemmschwelle, überhaupt anzufangen. Außerdem bin ich anfangs oft in den Duktus geflüchtet, der mir von Herbert Achternbusch vertraut ist. Dazu habe ich erst allmählich eine Entfernung gefunden und konnte dann umso intensiver das Eigene suchen.

          Würden Sie sich eher als überlegt-konstruierenden Autoren bezeichnen oder als einen, der aus dem Bauch heraus schöpft?

          Das ist ganz interessant: Einerseits handelt es sich bei dem Ganzen natürlich um eine Konstruktion. Manche Teile wurden relativ willkürlich zusammengefügt. Andererseits war es ein Entstehungsprozess, der wie von selbst lief. An der Kaspar-Figur z.B. ist nichts ausgedacht, die hat sich selbstständig weiter entwickelt. Als zweites Ich, als namenlose Figur entstand sie zwar schon vor 15 Jahren im Zusammenhang mit einem Film-Projekt, aber erst beim Schreiben hat sie sich während eines intensiven Beschäftigungsvorgangs plötzlich richtig breitgemacht. Um diese Figur herum sind dann Reflexionen über Theater, über Politik und über mich selbst integrierbar geworden. Das hatte ich gar nicht geplant. Deshalb nehme ich die Figur sehr ernst.

          An Ihrem Buch fällt auf, dass Sie auf jede Form von Wichtigtuerei im sonst üblichen Sinne verzichten. Stattdessen beschreiben Sie sich als kleinkariert und nachtragend. Ist der Mut zu solcher Selbstentblößung auf ein bestimmtes Verlangen nach Wahrhaftigkeit zurückzuführen?

          Das könnte sein. Wahrhaftigkeit, ja. Denn Wahrheit gibt es ja nicht. Nur die Lüge gibt es. Selbst wenn die Wahrheit für einen Moment existierte, ist sie für mich sofort wieder missglückt, sie verschwindet und erfordert eine neue Anstrengung, einen neuen Begriff.

          Nehmen Ihre Kollegen es Ihnen übel, dass Sie sich zum Teil recht abfällig über sie äußern?

          Bis jetzt hat sich noch niemand beschwert. Es gibt sogar Kollegen, die sich gemeint fühlen müssten, die haben sehr sympathisch reagiert, ohne Aggression. Die Anderen trauen sich vielleicht nicht, mich zu attackieren. Außerdem attackiere ich mich ja immer wieder auch selbst, ich nehme mich ja nicht aus.

          Worin unterscheidet sich die künstlerische Arbeit eines Schriftstellers von der eines Schauspielers?

          Als Schauspieler muss ich gucken, ob vom Spektrum der Vorlage etwas in mir haust, von dem ich noch nichts weiß, etwas, das ich mit Hilfe des Textes aber ausloten kann. Dann dehnt sich der Bierbichler in eine Richtung, die Goethe zum Beispiel dem Faust vorgegeben hat. Wenn ich dagegen feststelle, dass das Material mit mir nichts macht, dann gebe ich die Rolle zurück. Denn irgendwas herstellen, das will ich nicht, da schäme ich mich. Beim Spielen, bilde ich mir ein, brauche ich heute viel weniger Umwege als früher, um das Eigentliche, das Neue entdecken zu können oder ab einem bestimmten Punkt entdecken zu müssen. Über das Schreiben dagegen kann ich gar nicht reden, da sind es noch enorme Umwege.

          Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was würden Sie an den Produktionsbedingungen subventionierter Theater ändern?

          Keine Ahnung. Da würde ich nur drüber nachdenken, wenn ich mich als Intendant bewerben würde. Aber das werde ich nie tun.

          Warum eigentlich nicht?

          Mir fehlt der Wille zur Macht. Man müsste da mit den Mitteln der Macht fünf Jahre lang seine Überzeugungen behaupten. Der Christoph Marthaler (seit der vergangenen Spielzeit Intendant in Zürich, Anm. der Red.), der wirklich keinerlei Machtbedürfnis hat, ist da ein gutes Beispiel. Ich sehe ja, wie der leidet. Mal sehen, wie lange er das überhaupt aushält. Der kann den Wahnsinn eigentlich nur durchziehen, wenn er seine feine Art aufgibt. Auf die Dauer wird das schwer zu machen sein, ohne dass er seinen Witz verliert.

          Was sagen Sie zu der aktuellen Debatte um ein "Theaterduell" in München, bei der die Ästhetik von Kammerspiel-Chef Frank Baumbauer gegen die des Staatsschauspiel-Intendanten Dieter Dorn ausgespielt wird?

          Ich glaube nicht, dass diese Polarisierung innerhalb der Häuser stattfindet. Auch Dorn hat ja gesagt, dass ihn ein Konkurrenzkampf nicht interessiert. Ich weiß natürlich nicht, ob Dorn gänzlich frei ist von alten Verletzungen, die er enorm gepflegt hat. Ich halte aber, ebenso wie Dorns Regisseur Elmar Goerden übrigens, schon allein die Idee für blödsinnig, Theater gegeneinander machen zu können. Man kann Theater nicht gegen irgend etwas machen. Gutes Theater richtet sich höchstens gegen das eigene Unbehagen.

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