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Interview : John Le Carré: „Was James Bond groß machte, war Dr. No“

  • Aktualisiert am

Bestseller-Autor John le Carré Bild: dpa

Der Vater aller Spione heißt John le Carré. Der Film „Der Schneider von Panama“ beruht auf seinem Drehbuch. Ein Interview.

          John le Carré hat in fast vierzig Jahren das Genre des Agentenromans geprägt. Etliche seiner Bücher wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Das Russland-Haus“ wurden erfolgreich verfilmt.

          Am Wettbewerbsfilm „Der Schneider von Panama“ auf der diesjährigen Berlinale war der englische Bestseller-Autor erstmals auch als Drehbuchautor beteiligt. Der Film handelt von dem Schneider Harry Pendel, der, von einem Agenten namens Osnard erpresst, Geschichten über seine Kundschaft in panamesischen Regierungskreisen erfindet und damit unwissentlich einen Krieg anzettelt.

          In einem Interview für die Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprachen Michael Allmaier und Lars-Olav Beier mit John le Carré und dem Regisseur John Boorman („Excalibur“).

          Was gefiel Ihnen an der Figur des Schneiders, der beinahe einen Krieg herbeiredet?

          Le Carré: Harry Pendel ist eine Figur wie Figaro, er hätte Friseur sein können. Es gefällt ihm, den Leuten zu schmeicheln. Er hat diese „Lust zu fabulieren“, wie es bei Goethe heißt.

          Boorman: Das Spannende am Schneidern ist, wie es das Auge täuscht. Mit der Wahl eines Anzugs kann es die Wahrheit verändern oder verhüllen.

          Ist Harry Pendel ein anständiger Mann?

          Le Carré: Er ist ein Wahrheitssucher, der erst im letzten Moment an sein Ziel gelangt. Er erfindet sich selbst, wie wir alle es tun, um durch das Leben zu kommen. Ich denke, man kann ihm vergeben.

          Aber Sie haben ihm nicht vergeben.

          Le Carré: Nein, ich habe ihn in die Hölle geschickt. Im Buch versucht er für seine Sünden zu büßen, indem er sich in der Flammenhölle von Panama verbrennt, in der Katastrophe also, die er selbst verursacht hat. Aber er trägt nicht allein die Schuld. Er ist das Spielzeug höherer Mächte, Handlanger einer korrupten Gesellschaft.

          Warum haben Sie sich entschieden, das tragische Ende des Buches für den Film zu ändern?

          Boorman: Der Ton des Films ist leichter. Da wäre ein tragischer Schluss zuviel. Das gilt sogar für das Ende, das wir zuerst geplant haben, wo Pendel Osnard erschießt.

          Le Carré: Schauen wir uns das Ausmaß des Unglücks bis zu diesem Punkt an: Harry hat seinen besten Freund getötet, Panama in Brand gesetzt, seine Ehe zerstört und sich von seinen Kinder entfremdet. Das genügt schon für eine sehr gehaltvolle Tragödie. Und von John Boorman weiß ich, dass Hollywood Tragödien mit einem Happy-End liebt.

          Warum wird der heruntergekommene britische Agent Osnard ausgerechnet von Pierce Brosnan gespielt?

          Boorman: Hollywood drängte mich, die Hauptrollen mit dem zu besetzen, was man dort für starke Darsteller hält. Einer davon, der mir für den Harry Pendel empfohlen worden war, war Brosnan. Ich sah ihn in dieser Rolle überhaupt nicht, also bot ich ihm Osnard an. Zunächst war er schockiert. Denn diese Rolle bedeutete, alles auf den Kopf zu stellen, was er bislang gespielt hat.

          Le Carré: Ich glaube, er wollte seiner Karriere eine neue Wendung zu geben, indem er ein Risiko auf sich nahm und aus dem Geheimagenten à la James Bond ein verlottertes, unmoralisches, habgieriges, lüsternes Tier machte.

          Boorman: Osnard ist ein Flegel, und wir haben versucht, Brosnan entsprechend aussehen zu lassen. Aber es ging nicht. Wir haben ihm lauter schlabberige Sachen angezogen, und er sah noch immer zu elegant aus. Natürliche Grazie nennt man das wohl.

          „Der Schneider von Panama“ ist ein Abgesang auf die Agentengeschichte klassischen Stils. Es gibt dort keine Gentleman-Spione mehr, sondern nur noch Betrüger, Feiglinge und Trottel.

          Le Carré: Es sind unsere Feinde, die uns adeln. Was James Bond groß machte, war Dr. No. Auch der Kalte Krieg war ein Krieg der Angstfantasien. Unsere Vorstellung von der Sowjetunion damals war grotesk übertrieben. Umgekehrt verhielt es sich genauso.

          Also müssen wir heute, wo es keine Feinde mehr gibt, das Böse in uns selbst suchen.

          Le Carré: Ich glaube, dass es so ist.

          Boorman: Und damit sind James Bond die Gegner ausgegangen.

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