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Interview : Horst Eckert: „Es reicht nicht, einfach einen Mord aufzutischen“

  • Aktualisiert am

Prädikat vom Syndikat: Glauser-Preisträger Horst Eckert Bild: Horst Eckert

Für Krimiautor Horst Eckert braucht der deutsche Krimi vor allem eins: literarische Qualität.

          2 Min.

          Das baden-württembergische Mosbach wird an diesem Wochenende in Blut ertrinken - zumindest literarisch. Denn vom 17. bis 20. Mai treffen sich hier die deutschen Krimiautoren zur „Criminale 2001“, die von der Autorenvereinigung „Syndikat“ veranstaltet wird und die für dieses mörderischen Genre ordentlich werben soll. Außerdem wird der angesehene Glauser-Preis an den Düsseldorfer Krimiautor Horst Eckert verliehen. Mit dem zu Ehrenden sprach FAZ.NET vor allem über eins: den deutschen Krimi.

          Der deutsche Krimi ist tot, es lebe der deutsche Krimi. Oder wie könnte die Standortbestimmung lauten?

          Im Grunde ist es ganz schwer zu fassen, denn letztlich ist der Krimi so vielfältig wie der Rest der Literatur. Da gibt es die Massenware, die sehr eingängig und daher auch sehr beliebt ist. Dazu zähle ich auch die Autoren Henning Mankell und Donna Leon. Da gibt es Krimis, die sehr komplex sind und weniger gelesen werden. Und schließlich all jene Bücher, die - sehr oft zu Recht - überhaupt nicht gelesen werden.

          Und der deutsche Krimi ...

          ... ist das eigentliche Phänomen. Denn der deutsche Krimi hat es anfangs - das heißt in den 30er-Jahren - sehr schwer gehabt. Seine Themen wie Mord und Verbrechen stellen gesellschaftliche Missstände dar, die es eigentlich in einer Diktatur nicht geben darf. Nach dem Ende der Nazi-Diktatur schlug gewissermaßen auch für den deutschen Krimi eine Stunde Null, die wiederum sehr lange rausgezögert wurde. Noch in den 60er-Jahren haben viele deutsche Krimiautoren ihre Geschichten, die auch etwa im Londoner Nebel spielten, unter einem englischen Pseudonym geschrieben.

          Praktisch erst mit der 68er-Zeit haben sich die Autoren getraut, unter eigenem Namen zu schreiben. Es waren zumeist Sozio-Krimis, die aufdecken wollten, was in der Gesellschaft nicht richtig läuft. Heute gibt es die gleiche Bandbreite wie im angelsächsischen Raum. Im vergangenen Jahr erschienen sogar so viele deutschsprachige Kriminalromane wie nie zuvor.

          Ein junger Trend sind die sogenannten Regionalkrimis. Welche Rolle spielen sie?

          Dieses Etikett ist von Verlagen und Buchhändlern als Schlagwort benutzt worden, um diese Krimis populärer zu machen, indem man dem Leser signalisierte: Schau her, dieser Krimi spielt in deiner Region. Aber eigentlich verniedlicht es den Roman. Einen Chandler sagt man ja auch nicht nach, er habe Los-Angeles-Krimis verfasst.

          Schubladen stimmen nie ganz - dennoch: Für den Markt, aber auch für den Leser bieten sie doch eine erste Orientierung?

          Eine sehr oberflächliche. Natürlich spielen meine Romane in Düsseldorf. Aber doch nur, weil ich hier auch lebe! Wenn dann eine Buchhandlung ein Schild aufhängt: „Der neue Düsseldorf-Krimi von Horst Eckert“ - dann drücke ich halt ein Auge zu, weil es möglicherweise dem Absatz dient. Wenn aber allgemein meine Bücher als Regionalkrimis abgestempelt werden, dann werde ich sauer.

          Sind Regionalkrimis also nur ein schlechter Werbegag - von den Verlagen und Buchhändlern erdacht, von den Medien gepflegt?

          Nein, denn es gibt dieses Phänomen tatsächlich. Zum Teil werden sogar Autoren rausgeschickt mit dem Auftrag, jetzt mal einen „Köln-Krimi“ zu schreiben. Wenn ich dann auf Seite 1 dieser Bücher gleich drei bekannte Örtlichkeiten der Stadt lese, dann weiß ich schon, was die Stunde geschlagen hat. Sehr oft wird mit Name-Dropping versucht, Auflage zu machen. Das hat aber nichts mehr mit Literatur zu tun.

          Schaden diese Bücher dem Genre?

          Es gibt viele triviale Krimis. Aber es gibt auch in der übrigen Literatur viele triviale Bücher. Seit kurzer Zeit kommen noch Krimis aus den Print-on-demand-Verlagen hinzu, die quasi unlektoriert veröffentlicht werden. Aber solche Bücher werden den Leser nicht belästigen, weil sie eine Nischenveranstaltung bleiben.

          Wie könnte die Zukunft des deutschen Krimis aussehen?

          Der deutsche Krimi wird immer dann eine große Zukunft haben, wenn die Autoren sich nicht darauf ausruhen, zu Beginn ihrer Bücher einen Mord aufzutischen. Und dann glauben, damit den Leser schon bei der Stange halten zu können.

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