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Interview : Harry Mulisch: „Ich bin fertig mit Hitler“

  • Aktualisiert am

Harry Mulisch auf der Frankfurter Buchmesse Bild: dpa

In der Bücherflut zum Thema Hitler fällt ein Roman Harry Mulischs auf, der einen Sohn des Diktators erfindet. FAZ.NET sprach mit dem Autor.

          4 Min.

          Schriftsteller, Selbstdarsteller und spätestens nach seinem letzten Roman „Siegfried“ auch Provokateur: Der Niederländer Harry Mulisch hat sich darin mit der Person Adolf Hitler befasst. Mit FAZ.NET sprach Mulisch über die Hintergründe seines Werks, über die Kunst an sich und über den Nobelpreis.

          Herr Mulisch, wie kamen Sie darauf, einen Roman ausgerechnet über Hitler zu schreiben?

          Es ist nicht so, dass man sich ein Thema auswählt, sondern man wird von einem Thema ausgewählt. Ich arbeitete an einem anderen Roman, „Die Prozedur“ und da habe ich in einem Satz geschrieben, was wäre wenn Hitler mit Eva Braun einen Sohn gehabt hätte. Dann kamen die Fahnen für dieses Buch und ich sah diesen Satz und dachte, da ist doch mehr drin. Ich habe ihn aus dem Buch gestrichen und ihn mir auf den Schreibtisch gelegt. Und dieser Satz fing an zu leben und wurde dieses Buch. Es hätte diesen Roman nicht gegeben, hätte ich nicht „Die Prozedur“ geschrieben. So geht's.

          Was war dabei für Sie die größte Herausforderung?

          Es geht um diese Faszination, über die ich geschrieben habe, wie Hitler nicht alle, aber sehr viele Menschen verändert hat. Es ist wie die Schlange und das Kaninchen. Die Schlange sieht das Kaninchen an und tut weiter nichts. Das Kaninchen marschiert einfach in ihr Maul hinein. Und das fasziniert mich. Wie ist so etwas möglich? Was ist das für eine Kreatur, die so etwas fertig bringt ?

          Sie vergleichen Hitler unter anderem mit einem Schwarzen Loch. Ist das nicht so etwas wie eine Entschuldigung für ihn? Schließlich kann man nicht sagen, dass das Schwarze Loch daran schuld ist, dass es alles anzieht und verschlingt - es ist eben so.

          Meiner Meinung nach ist Hitler als Mensch so wenig, dass es schon zuviel Ehre für ihn wäre, zu sagen, dass er schuldig sei. Er ist wie eine Art Tier. Ist die Schlange schuldig? Nein, natürlich nicht, aber sie verschlingt trotzdem das Kaninchen. Anständige Leute haben ein Gewissen - Hitler aber nicht. Wirklich schuldig wird man erst, wenn man ein Gewissen hat und dennoch das Falsche tut. Eichmann und die anderen wussten, was sie taten. Daher sind sie irgendwie schuldiger als Hitler.

          Bringt Ihnen diese Betrachtungsweise nicht jede Menge Kritik?

          Ich war mir dieser Gefahr bewusst. Aber ich habe mir folgendes überlegt: Jeder sagt Hitler sei dies oder Hitler sei das. Irgend etwas Positives kommt dabei immer heraus. Dass er ein verkappter Homosexueller war, dass seine schrecklichen Kriegserlebnisse im Ersten Weltkrieg ihn geprägt hätten, dass die ökonomische Krise eine Rolle spielte... Das einzige, was noch übrigbleibt, ist, dass jemand sagt: „Nein, er war eben nicht so und so. Er war nichts.“ Musil hat den Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ geschrieben - hier haben wir eine Gruppe von Eigenschaften ohne Mann. Natürlich kann das alles absichtlich oder unabsichtlich falsch verstanden werden. Aber hoffentlich gibt es doch einige kluge Leute, die etwas weiter sehen.

          Was wollen Sie mit Ihrem Buch beim Leser auslösen?

          Es gibt bestimmt Leser, die das Buch als merkwürdige Liebesgeschichte mit schwarzen Seiten lesen - das ist auch gut. Aber man kann es natürlich auf verschiedenen Ebenen lesen. Was mich betrifft, und ich bin ja der erste Leser: Ich bin fertig damit. Und es wäre schön, wenn einige Leser sagten, so ist es jetzt, weg mit Hitler, es hat ihn nie gegeben. Es gibt Leute, die meinen, es habe Auschwitz nie gegeben. Das ist Unsinn. Aber Hitler hat es irgendwie nicht gegeben. Er war aus meiner Sicht ein Naturereignis, etwas Schreckliches, wie der Meteorit, der auf die Erde fiel und alle Dinosaurier tötete.

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