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Interview : Hans Zimmer: „Ich suche das gefährliche Abenteuer“

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Bei der Premiere auf der Berlinale fiel mir auf, dass die Leute wegen der Untertitel nicht merkten, wo es etwas zu lachen gab. Am Ende sieht man nur noch Anthonys Auge, er blinzelt uns zu. Das ist Theater des Absurden.

Reden wir vom Arbeitsprozess!

Tja das geht so: Ich sitze Tage lang im Studio und keine Note kommt. Dann werde ich panisch, und ich bekomme Albträume. Ridley versteht das, deshalb kann ich beim Bildschnitt dabei sein. So kann ich den Stoff besser kennen lernen und seinen Charakter verstehen. Es gab einen Zeitpunkt, da sagte meine Frau, sie mache sich Sorgen. Sie sei sicher, dass ich nichts Gutes schreibe, da ich noch nicht zu diesem Verrückten geworden war, in den ich mich verwandele, wenn ich richtig arbeite.

Werden Sie zum Verrückten, wenn Sie gute Musik schreiben?

Oh ja. Als ich in London ankam, um die Orchesterteile aufzunehmen, war ich komplett durch den Wind. Ich hatte all diese verrückten Theorien zu diesem Film, die sich in meinem Kopf drehten. Das Orchester in "Hannibal" ist schließlich kein normales Orchester. Da gibt es 28 Celli und 8 Bässe, sonst nichts. Ich dachte, wenn ich nur die dunklen Seiten benutze, dann werden interessante Dinge passieren, dann wird der Abgrund spürbar, an dem hier alles hängt. An diesem Abgrund möchte ich den Rest meines Lebens verbringen.

Ach ja? Manchmal sieht es so aus. Wenn es Ihnen zu langweilig wird, dann haben sie ja immer noch die Expressionisten, deren Kunst ja tatsächlich das Leben am Abgrund reflektierte.

Es ist nicht leicht mit dem Kirchner an der Wand zu leben, aber schließlich ist es auch nicht leicht mit mir zu leben.

Darüber müßten wir vielleicht mit Ihrer Frau sprechen. Aber zurück zur Musik. Ist alles, was sie für "Hannibal" komponiert haben, auf den Soundtrack.

Nicht alles. Ich habe zu viel auf dem Soundtrack, aber dennoch zu wenig. Ich habe unter extremem Zeitdruck gearbeitet. Der Herr Zimmer hat wieder so spät geliefert. Das kennen die schon von mir. Der Produzent muß mir die Arbeit aus den Händen reißen. Ridley ist da sehr viel pragmatischer. Es ist ja auch nicht sein Geld, das auf dem Spiel steht. Darum geht es nicht. Schließlich kann ich die Musik nicht fertigstellen, bevor die endgültige Schnittfassung fertig ist. Manche Leute glauben ich wache jeden Morgen mit einer guten Idee auf. Das stimmt nicht. Meist wache ich ohne jede Idee auf. Dann muss man warten bis die Ideen kommen. Wir hatten aber einen Premieretermin. Da heißt es: ruhig bleiben. Ruhig bleiben, obwohl ich weiß, dass unser Film in der nächsten Woche mit 4900 Kopien starten wird.

Wie sah der Zeitplan ihrer Arbeit aus?

Ich habe zwei der Bilder erst 10 Tage vor den Orchesteraufnahmen geschrieben. Aber ich habe Monate, bevor ich anfangen konnte zu schreiben Themen und Einfälle notiert. Das Gute an der Zusammenarbeit von Pietro, Hans und Ridley ist, dass wir wissen, wie wir zusammenarbeiten müssen. Pietro schneidet vieles nach meiner Musik. Dann muß ich nicht diese langweilige Aufgabe des Einpassens übernehmen. Ich bin nicht so gerne der musikalische Sekretär. Ridley mischt sich nicht ein. Er liebt Überraschungen und Ideen, die er selbst nicht hatte.

Ist Ridley Scott ein Regisseur, der Musik versteht?

Er ist Maler und ich bin Musiker. Er denkt musikalisch ich malerisch. Er schickt mir Malerei und Zeichnungen, die er selbst gemacht hat. Wenn ich weiß in welchen Farben er denkt, dann übernehme ich die. Hannibal war für mich ein einziges Cello - Rock´n´ Roll crazy

Welche Farben sind das?

Rot ist da, aber hier steht rot nicht für Blut. Das Blut ist hier schwarz. Rot steht für das Sexuelle und für die Leidenschaft. Das Ganze sollte etwas mittelalterlich klingen, deshalb hat Clarisse einen Knabenchor, der ihr durch die Geschichte folgt.

Es gibt sehr Opernhaftes in Ihrem Soundtrack

Thomas Harris hat in sein Buch eine Oper hineingeschrieben, die auf Dante Alighieris "La Vita Nuova" beruht. Die hat keiner komponiert. Ich habe einen Freund, Patrick Cassidy, der ein "richtiger" Komponist ist. Von dem hab ich mir schnell eine Opernarie schreiben lassen. Jetzt werden wir diese Oper, von der es bisher nur eine Arie gibt, weiterschreiben. Heute sind die Filmstudios die Mäzene ernsthafter Musik.

Das Gespräch führte Gunter Göckenjan

Kann gut zuhören: Hans Zimmer lauscht auf der Pressekonferenz der 51. Berlinale den Fragen der Kritiker

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