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Interview : Exil-Schriftsteller Shi Ming: "Olympia ist Gift für China"

  • Aktualisiert am

Peking streckt sich nach Olympia 2008 Bild: SRT / VTinga Horny

Shi Ming kommt aus einer chinesischen „Intellektuellen-Familie“ und sagt im FAZ.NET-Gespräch, was er von Peking 2008 hält.

          Shi Ming wurde 1957 in Peking als Sohn einer „intellektuellen“ Familie, wie es heute noch in China heißt, geboren. Heute lebt Shi in Köln, wo er als freier Journalist, Übersetzer und Schriftsteller arbeitet. FAZ.NET sprach mit dem Autor über Chinas Anstrengung - unter anderem mittels einer Olympiade im Jahr 2008 - vor den Augen der Welt glänzend dazustehen.

          Herr Shi, Sie haben China vor 13 Jahren verlassen. Vermissen Sie Ihre Heimat?

          Ja. (Schweigen)

          Der Autor Shi Ming

          Können Sie das begründen?

          Ja, meine Heimat hat sich schon damals in einem ständigen Wandel befunden. Dieser Wandel hat sich inzwischen sehr beschleunigt und ist jetzt außer Kontrolle geraten. Keiner in China weiß, wohin das Land treibt. Das verängstigt mich auf der einen Seite, auf der anderen fasziniert es mich. Aber das kommt zu der üblichen Sehnsucht nach dem Zuhause dazu.

          Wird China dem Westen immer ähnlicher?

          Es sieht so aus, jedenfalls die Städte werden immer ähnlicher. Das ist eine Entwicklung, die mich sehr traurig stimmt, zumal der Westen, aber auch China das pauschal positiv sehen. Unter chinesischen Intellektuellen grassiert die Behauptung, dass der westliche Individualismus für China eine Rettung bedeute. Viele von ihnen haben aber gar nicht hingeguckt, aus welchem historischen Kontext sich dieser Individualismus entwickelt hat.

          Wie wird Individualismus in China verstanden?

          Er wird gleichgemacht mit erhöhter Mobilität, einer Kultur à la McDonald's und der Idee, das alles möglich sei. So werden Reformen befürwortet, ohne dass die Frage gestellt würde, wohin reformiert wird - nämlich hinein in eine Verschwendungsgesellschaft. Wenn man weiterhin in diesem Tempo versucht, Amerika aufzuholen, dann wird das Land bald eine Wüste.

          Wenn allenfalls noch Bill Gates für ein kollektives Generationserlebnis sorgt, welches Verhältnis nimmt dann der einzelne, jüngere Mensch gegenüber der Gesellschaft ein?

          Die Lebenspläne, gerade die der Städter, sind sehr unterschiedlich geworden. Und viele lassen sich - förmlich - nicht mehr den Mund zu verbieten. Im Internet spricht man sich nicht einfach gegen die Regierung aus, nur hat man nicht dieselbe Ansicht. Das Bewusstsein, das man gerne als Individuum wahrgenommen wird, ist eine regelrecht demonstrative Wertvorstellung geworden.

          Das klingt aber sehr positiv.

          Es ist bei weitem nicht alles positiv. Die alten Zwänge sind durch neue ersetzt worden. Und die neuen Zwänge stehen im Zeichen der Kommerzialisierung. Auch in China verkauft sich städtische Trivialliteratur nur dann, wenn sie irgendeine Bettgeschichte oder eine brutale Szene anbietet. Die Schreibenden haben keine Freiheit, ihr Sujet zu wählen. Das ist genauso ein Zwang, wie es früher einer war, über ideologisch geprägte Helden berichten zu müssen.

          In Ihrer Heimatstadt Peking sind die alten Leit- und Wertvorstellungen im Städtebau zuletzt negiert worden. Neuerdings werden funktionalen Gebäuden Replikate eines Tempels aufgesetzt. Nach welcher Identität sucht China eigentlich?

          Peking und seine Architektur haben immer eine träge Gelassenheit ausgestrahlt. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Denn es gibt ein Fieber, der Welt gefallen zu wollen, damit die Welt China eine Chance gibt. Ob es nun der Abriss ganzer Wohnkolonnen der 30er und 40er Jahre, ob es das Hochziehen von Wolkenkratzern in den mittleren 90er Jahren ist oder eben diese Rückbesinnung auf beschauliche, traditionelle Baukomplexe - all diese Handlungen folgen dem einen Motiv, gefallen zu wollen, damit andere uns nicht vergessen.

          Ist „Olympia 2008“ ein Katalysator dieser Entwicklung?

          Auf jeden Fall. Olympia ist ein weiteres Gift dieser Sorte, ein größeres.

          Wird gar kein wirklich neuer Bezug zur eigenen Kultur gesucht. Versucht die Regierung nur, sich über kulturelle Surrogate zu profilieren?

          Ja, die Politik sucht nach einem temporären Halt, während die Nation eine dauerhafte Identität braucht. Das ist ein Konflikt, der sich jeden Tag zuspitzt. Und ich sehe keinen Ausweg, wie dieser Konflikt gelöst werden könnte.

          Wie wird die olympische Idee in China verstanden?

          Der Sport ist Nebensache. Stattdessen findet eine unerträgliche Vermengung mit kommerziellen Prinzipien statt. Und wenn die Gesellschaft der Regierung in dieser Richtung folgt, vergisst auch sie den Sport und erst recht den Sportsgeist. Wir verstehen das olympischen Motto, alles zu geben, nicht als körperliche und ideelle, sondern als finanzielle Aufgabe. Das Geld wird in fast zuchtähnliche Trainingsmethoden investiert - ein Phänomen, das man auch vom Westen her kennt.

          Sie setzen auf die Kraft der Imagination. Werfen Sie für uns noch einen Blick auf ein Peking 2008 mit der Olympiade im Gepäck.

          Wenn sich auf dem 16. Parteitag der Kommunistischen Partei im nächsten Jahr die liberalen Reformkräfte durchsetzen, sehe ich auch positive Effekte im Zusammenhang mit Olympia. Dann könnte die Stadt Peking nicht als Ort der politischen Repräsentation, als politische Show, missverstanden werden, sondern als Ort der Volksfeste aufleben. Aber es ist völlig ungewiss, ob diese Kräfte sich durchsetzen.

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