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Interview : Ein Zwang zum Leben wäre Körperverletzung

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Brigitte Zypries Bild: AP

Die kollektive Alterung wird unser Denken über das Sterben und den Weg zum Sterben verändern: Ein Gespräch mit Bundesjustizministerin Brigitte Zypries über Sterbehilfe, die Furcht der Ärzte und den Willen der Patienten.

          8 Min.

          Die kollektive Alterung wird unser Denken über das Sterben und den Weg zum Sterben verändern: Ein Gespräch mit Bundesjustizministerin Brigitte Zypries über Sterbehilfe, die Furcht der Ärzte und den Willen der Patienten.

          Frau Ministerin, die dramatischen demographischen Veränderungen, die auf uns zurollen, die Zunahme der Zahl der Alten, die stete Verlängerung der Lebenserwartung - wird dies das Sterben und dessen gesellschaftliche Wahrnehmung verändern?

          Davon bin ich überzeugt. Nur ist noch nicht klar, in welche Richtung die Veränderung führt. Was man früher als transzendentale Prozesse angesehen hat, wird nun durch Technik geprägt und ersetzt. Der säkularisierte Staat kennt kein Schicksal, hat der Jurist Bernhard Schlink einmal geschrieben. Es könnte aber durchaus sein, daß es zu einer religiös ausgerichteten Gegenbewegung kommt, wie es sie heute schon in Amerika gibt. Schön wäre es, wenn die Gesellschaft das Sterben wieder als Teil des Lebens akzeptiert und dementsprechend natürlich damit umgeht.

          Wer bestimmt, wann Leben endet?

          Wenn immer weniger Kinder geboren werden, wird es auch immer weniger Angehörige geben, die sich um Sterbende kümmern können. Was bedeutet das?

          Schon heute ist Alterseinsamkeit ein großes Problem. Die Sorge für alte Menschen wird zunehmend professionalisiert. Kinderarmut heißt auch, daß es in immer mehr Fällen keine Angehörigen gibt, die sich kümmern, die trauern, die Abschied nehmen, die Erfahrungsschätze aufnehmen, um sie ihrerseits in die nächste Generation weiterzugeben. Inzwischen haben sich schon Unternehmen darauf spezialisiert, das zu tun, was früher ganz selbstverständlich die Familie getan hat, nämlich die Erinnerungen von alten Menschen festzuhalten und über die Zeit zu retten. Der Drang, Erinnerungen schriftlich zu bewahren, hängt sicher auch damit zusammen, daß nun die letzte Weltkriegsgeneration stirbt und mit ihr eine wesentliche Phase der erlebten Geschichte aus der Erinnerung zu verschwinden droht.

          Klaus Kutzer, der früher als Richter am Bundesgerichtshof und zuletzt als Vorsitzender Ihrer Expertenkommission zur Patientenverfügung tätig gewesen ist, sagt, das deutsche Sterbehilferecht sei weitaus liberaler als vielfach angenommen. Stimmt das?

          Klaus Kutzer hat recht. Aber man muß die verschiedenen möglichen Handlungen im Sterbeprozeß klar voneinander unterscheiden. Die aktive Sterbehilfe, also eine gezielte Herbeiführung des Todes durch Dritte, ist in Deutschland verboten und bleibt verboten. Darüber wird nicht debattiert.

          Wir reden über andere Konstellationen, immer ausgehend von der Erkenntnis, daß jeder über sich selbst und seinen Körper verfügen kann. Daher setzt jede Behandlung die Einwilligung des Patienten voraus, und jeder ärztliche Eingriff gegen seinen Willen ist strafrechtlich als Körperverletzung zu qualifizieren. Wenn ein Mensch bei vollem Bewußtsein verlangt, daß die Maschinen, die ihn am Leben erhalten, abgeschaltet werden, ist das Abschalten erlaubt.

          Der Patient ist frei, eine Behandlung abzulehnen, auch um den Preis des eigenen Lebens. Wenn eine Schmerztherapie zugleich - quasi als unbeabsichtigte Nebenfolge - das Leben verkürzt, wäre sie, solange die Schmerzlinderung das Ziel ist, ebenfalls erlaubt. Mediziner sagen mir aber, daß eine gute Schmerztherapie nicht lebensverkürzend wirken muß. Denn ein Patient, dem man den körperlichen Stress von extremen Schmerzen erspart, ist insgesamt stabiler.

          Warum wird in Deutschland nicht auch über aktive Sterbehilfe gesprochen? Holland und die Schweiz - durchaus keine barbarischen Staaten - haben sie erlaubt.

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