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Interview : DJ Westbam: „Die Loveparade ist schon ein bisschen preußischer Karneval“

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DJ Westbam Bild:

Die Loveparade wird es auch in 50 Jahren noch geben. Sofern sie nicht an Organisationsproblemen scheitert. DJ Westbam im FAZ.NET-Interview.

          3 Min.

          Seinen Künstlernamen „WestBam“ (Kürzel von Westfalia Bambaataa) leitet er von seinem musikalischem Vorbild, Afrika Bambaataa, ab. Westbam, alias Maximilian Lenz, kommt aus dem westfälischen Münster und gehört zu den angesehensten DJs unserer Tage. 1983 begann er seine Karriere im Odeon Club in Münster. Später legte er im Berliner Metropol auf. Seine Mixtechnik machte ihn über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. FAZ.NET sprach mit dem 36-jährigen Insider der Loveparade über den Weg, den das Techno-Festival von seiner ersten Stunde an bis heute genommen hat.

          Was verbindet Dich mit der Loveparade?

          Ich bin seit '89 dabei, und es ging alles damit los, dass mich der Motte in der Turbine Rosenheim angesprochen hatte, ob ich für eine Demo Musik machen möchte, ein Tape. Und ich dachte: Das ist mal wieder typisch Berlin - einerseits eine Party, andererseits eine Demo, über den Ku'damm laufen und Politik machen. Man hatte von Anfang an das Gefühl, dass es etwas Großes werden würde. Obwohl es am Anfang ja nun wirklich winzig klein war mit den 150 Leuten.

          Wie war die Stimmung damals am Ku'damm ?

          Viele Leute fabulieren darüber, dass die Stimmung eine bessere oder der Spirit ein anderer gewesen sei. Aber für mich ist das Wesentliche der Loveparade auch heute noch haargenau dasselbe. Man kommt zusammen, man spielt Musik - und es ist eben genau nicht so wie sonst überall in der Techno-Welt: Hier geht es nicht um das Ausgrenzen, das Exklusive, den Club, das Geheime. Hier ist jeder willkommen.

          Auch bei der Handvoll Leute am Anfang gab es schon unterschiedliche Schulen und unterschiedliche Ansätze. Es gab auch damals schon Kids, die ein bisschen poppiger drauf waren, die das englische Acid-Ding toll fanden, andere, die sozusagen moralischer waren, das Underground-Ding toll fanden, dann die Chicago-Puristen, die Detroit-Puristen - genau wie heute.

          Was antwortest Du auf all die Klagen, nach denen sich die Loveparade in den letzten Jahren stark verändert hat?

          Natürlich gibt es Unterschiede zwischen einem Paddelboot, in dem 150 Leute sitzen, und einem Ozeandampfer. Bei 1,5 Millionen Leuten kann man die Loveparade nicht einmal mehr als Ozeandampfer beschreiben. Dass das so eine große Sache geworden ist, hat keiner erzwungen.

          Warum hat sich die Loveparade zu einem Volksfest entwickelt?

          Das Volksfestartige ist sowieso da gewesen. Es war ja nie eine Kunstveranstaltung am Mittwochnachmittag - auch wenn manche Leute das gern so sehen wollen. Rein zufällig war diese Kunstveranstaltung immer Samstagabend, und die Musik war laut, und die Bassdrum war fett, und die Leute tanzten und schrien.

          Dabei ist sie aber auch im Mainstream angekommen. Ist das eigentlich für die Kreativität der Musik noch das ideale Klima?

          Man muss das im Zusammenhang mit dem sehen, was da in Berlin insgesamt passiert. Durch die Loveparade strömen Millionen Leute in die Stadt. Das spült einfach Geld - und das heißt schlicht und einfach Möglichkeiten - in die Kassen der Clubbetreiber und der DJs. Durch ihre Größe hat diese Kultur wesentlich mehr Nischen freigeschaufelt. Viele Producer in Amerika können heute nur deshalb existieren, weil Techno in Europa ein Massenphänomen ist. Wenn die das von ihren DJ-Gigs in Detroit finanzieren müssten, hätten sie schon lange keine Platten mehr gemacht.

          Wie kommt es zu Kreativität und Innovation in der Techno-Musik?

          Da kann ich nur mit meiner eigenen Lebensweisheit kommen. Ich habe alle meine kreativen Schritte da gemacht, wo ich gespielt habe, zusammen mit dem Publikum. In der Kombination von DJs, die Musik machen, und Leuten, die gleichzeitig dazu tanzen, die darauf reagieren. Durch Kombination, durch Mixen, durch Schneiden verändert sich die Musik ständig. So sind ja im Lauf der Jahre all diese Stile entstanden.

          Für mich geht die Geschichte ja auch nicht mit Techno los, sondern mit Disco. Erst ist der Ort da, dann entsteht sozusagen die Vision, das Gefühl, da ist etwas Neues, und dann baut man die Sachen speziell dafür. Es gab Discos, bevor es Disco-Musik gab. Es gab Rave-Parties, bevor es Rave-Musik gab. Es gab HipHop-Parties, bevor es HipHop-Musik gab. Kreativität kommt nie aus dem nichts. Die Kultur entsteht immer wieder aus Kultur.

          Wie bewegt man sich in so einer Szene als prominenter DJ?

          Als Promi-DJ hat man sich vielleicht ein bisschen mehr Credit erspielt. Den kann man entweder dazu nutzen, um sich feiern zu lassen. Oder man versucht, die Leute immer wieder zu überraschen und an die Grenzen dessen zu gehen, was sie noch als Teil dieser Kultur empfinden. Damit erfindet man diese Kultur zugleich immer wieder neu. Im Prinzip ist der Auftrag für alle DJs derselbe.

          Wer sind die eigentlichen Stars der Loveparade - die DJs? Die Tänzer? Alle miteinander?

          Ja, so sehe ich das eigentlich am liebsten. Und ich glaube auch, dass das nach wie vor so ist. Man sieht ja auch, dass die Leute sich als Stars empfinden. Man muss sich nur anschauen, wie sich immer alle aufbrezeln für die Loveparade. Da sind nicht nur die DJs die Stars. Die sind natürlich auch die Stars. Und die Musik, die ganze Musikkultur. Die Bassdrum ist der Star. Eine einziges Treffen von Superstars.

          Woran wird man mal erkennen, dass die Loveparade sich überholt hat?

          Woran erkennt man, dass sich der Kölner Karneval überholt hat? Oder wann wird man das erkennen? Die Loveparade ist schon ein bisschen der preußische Karneval geworden. Wenn sie nicht an ihren Organisationsproblemen scheitert, wird die sie als Fest auch in 30, 40, 50 Jahren noch existieren. Die Leute werden sich dann kaum noch an den "Summer of Love" 1988 erinnern, an die Acid-House-Revolution und wie sie Berlin ergriff.

          Aber die Menschen werden auch in 50 Jahren noch tanzen. Und die Loveparade wird auch in 50 Jahren dafür noch eine Bühne bilden. Die Frage ist nur, ob das dann noch im engeren Sinne Technokultur sein wird.

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