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Interview : Dieter Kosslick: „Es gibt heute mehr Talente als früher“

  • Aktualisiert am

Dieter Kosslick Bild: dpa

Deutscher Film, quo vadis? Das fragt sich der Kinobesucher leicht resigniert. Dieter Kosslick ist optimistisch.

          2 Min.

          Dieter Kosslick, 52, bisher Leiter der Filmstiftung NRW, wird in Zukunft den Berliner Filmfestspielen vorstehen FAZ.NET befragte ihn zur Zukunft des deutschen Films.

          Welche Autoren, Regisseure und Schauspieler tragen die "neuen deutschen Filme"? Welches sind ihre Themen, ihre Helden?

          Vielfalt kennzeichnet die derzeitige Situation wohl am Besten. Ein Trend allerdings sind die Filme der “Kinder der Gastarbeiter“. Dieser neue Blick - quasi von innen oder doch auch von außen - auf die Gesellschaft hat den deutschen Film sehr erfrischt. Viele neue kreative Leute kommen auch von den Filmhochschulen und beschäftigen sich mit Deutschland aus einem ganz besonderen Blickwinkel, etwa Christian Petzold mit “Die innere Sicherheit“ oder Vanessa Jopps mit “Vergiss Amerika“.

          Gibt es Ihrer Meinung nach eher mehr oder weniger hoffnungsvolle Talente als in den letzten Jahren? Und wenn es eine Tendenz gibt, auf welche Faktoren ist eine solche Baisse oder Hausse zurückzuführen?

          Es gibt mehr, und sie sind besser ausgebildet. In Nordrhein Westfalen haben wir mit der IFS Internationale FilmSchule Köln eine Institution geschaffen, durch die Talente in allen Bereichen des Filmschaffens binnen kürzester Zeit für den Eintritt in die Branche fit gemacht werden. Heutzutage besteht die entscheidende Herausforderung für Kreative darin, durch den Wust an Filmen und Veröffentlichungen durchzudringen und die nötige Marketing-Power aufzubringen, sich und ihre Produkte adäquat zu promoten.

          Um einen "kleineren" oder avancierten Film zu produzieren, braucht es Fördermittel. Wie stehen in Deutschland die Chancen, an diese Mittel heranzukommen?

          Ich denke, die Chancen waren nie besser, in Deutschland an finanzielle Unterstützung für ein Projekt zu kommen. Übrigens nicht nur für kleine Filme. Fast kein deutscher Film wird ohne Förderung gedreht. Das gilt für “Oi!Warning“ ebenso wie für “Enemy at the Gates“. Die Filmförderungsanstalt hat errechnet, dass zur Zeit allein 370 Millionen Mark an öffentlicher Förderung zur Verfügung stehen. Dazu kommen Förderungen durch die EU und ihre Media-Programme, durch die vielen kulturellen Filmbüros und - last but not least - durch die Sender selbst. Wir bieten Autoren und Produzenten bei der Filmstiftung jede Art der Beratung an, die sie in Anspruch nehmen möchten, finden es aber auch sehr wichtig, die kreative Unabhängigkeit von Filmemachern zu wahren. Wir möchten uns nicht in inhaltliche oder künstlerische Fragen einmischen.

          Was halten Sie vom Internet als dem Platz, an dem mehr und mehr Kurzfilme, auch von Debütanten, gezeigt werden? Wird das Netz zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die Kinoleinwand?

          Das Internet hat in der Tat die Chance, zu einer echten Nachwuchsbörse zu werden. Hier können junge Filmemacher ihre Filme einem großen Publikum präsentieren und auf sich aufmerksam machen, ohne großen logistischen oder finanziellen Aufwand. Es besteht aber auch die Gefahr, dass Nuancen verschwinden. Für den Monitor zu filmen und zu schneiden ist die eine Sache, für die Leinwand eine ganz andere. Beides verlangt eine andere Bildsprache. Die Aussagekraft einer Leinwand kann auch der hochauflösendste Monitor nicht erreichen. Junge Talente, die den Weg übers Internet gehen, sollten sich dieses Unterschieds bewusst sein.

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