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Interview : Dichter Thomas Kling: Gegen die Lehrer-Lempelhaftigkeit

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„Dichtung als beste Unterhaltung” - Thomas Kling Bild: Ute Langanky

Thomas Kling über seinen neuen Gedichtband, den Schriftsteller als moralische Instanz und den Zusammenhang von Text und Klang.

          3 Min.

          Thomas Kling zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Dichtern. Der DuMont-Verlag veröffentlicht in diesen Tagen seinen neuen Band „Sondagen“. Mit FAZ.NET sprach der Lyriker über das Wahrnehmungsinstrument Gedicht, den Schriftsteller als moralische Instanz und das Festival „Hombroich : Literatur X“ am kommenden Wochenende.

          Zwischen den poetischen Positionen von Robert Gernhardt und Thomas Kling liegen Welten. Gernhardt hat eine Poetik-Vorlesung mit „Was das Gedicht alles kann: Alles“ überschrieben. Was sagen Sie dazu?

          Wenn jemand so etwas behauptet, handelt es sich meistens um einen Alles- und Nichtskönner. Man kann in allem handwerksmeisterlich herumpfuschen. Aber wirklich einen Personalstil zu entwickeln, das bedeutet vor allen Dingen, dass man früh seinen Beruf ernst nimmt.

          Aus Ihrer Sicht: Was kann das Gedicht?

          Das Gedicht kann die Verfasstheit von Gegenwart und von Tradition, von Vergangenheit widerspiegeln. Das muss es auch. Ohne Tradition ist das Gegenwartsgedicht aufgeschmissen.

          Welche Rolle schreiben Sie der Dichtung in der gegenwärtigen literarischen und intellektuellen Welt zu?

          Eine gewohnt marginale Stellung. Das muss man von Vornherein wissen, sonst ist man falsch im Beruf des Dichters.

          Diese marginale Stellung steht ja im Gegensatz zu dem Vermögen der Dichtung: der Fähigkeit, bestimmte Muster, Tempi zu entwickeln, vorwegzunehmen, die sich später erst in anderen Sprachumgebungen durchsetzen.

          Das ist das Erfreuliche: Auf diesem Gebiet des Vorauswissens, der Vorarbeit hat das Gedicht ungeheuere Möglichkeiten, die die Prosa nicht hat. Das Gedicht ist ein Wahrnehmungsinstrument - um den Klappentext-Begriff des Seismografischen einmal heraus zu lassen. Das Gedicht kann Erschütterungen sehr wohl wahrnehmen. Es kann auch als Wegweiser dessen fungieren, was man nachher erst weiß.

          Als Wahrnehmungsinstrument von Sprache oder von Wirklichkeit?

          Von beidem. Und Wirklichkeit ist nicht nur die heute gesprochene Sprache, sondern die Sprache überhaupt, die dichterische Sprache, Umgangssprache, hohe Sprache, Fachsprachen aus jedem Zeitalter und jeder Zunge. Das ist sehr wichtig.

          Vor einem Jahr sind nach den Terroranschlägen von New York und Washington viele Dichter in eine Rollen zurückgefallen, die gerade Vertreter jüngerer Generationen zuvor abgelehnt hatten: die der moralischen Instanz. Welche Haltung kann ein Schriftsteller angesichts solcher Vorfälle einnehmen?

          Ich möchte auf das Aufmacher-Gedicht in meinem gerade erschienenen Band "Sondagen" hinweisen. Es wendet sich gegen die Position der Lehrer-Lempelhaftigkeit, des unerträglich Didaktischen, das wir aus den Nach-68er-Jahren als höchst unappetitlich erfahren mussten. Einen solchen Rückfall sollte man sich nicht erlauben.

          Welche Stimme sollte der Dichter haben außerhalb seiner Kunst?

          Das Gedicht muss eine wahrhafte Sprache komponieren. Ansonsten halte ich den Dichter - im Gegensatz zu Herrn Enzensberger - für in genau dem Sinne geeignet, sich zu Entwicklungen zu äußern, wie das jeder Besitzer einer Lotto-Annahmestelle kann.

          Gegen die weitläufige Vorstellung, gerade Gedichte bräuchten die kontemplative Lektüre, wenden Sie sich mit ihrem Programm der „Sprachinstallation“, dem Live-Vortrag von Lyrik. Ihren Gedichtbänden „Fernhandel“ und „Sondagen“ liegen CDs bei. Braucht Dichtung den Klang?

          Dichtung ist seit vor-homerischen Zeiten auf den Klang und auf das live gesprochene Wort angewiesen. Seit den 90er Jahren ist es eine hoch begrüßenswerte Entwicklung, dass der Vortrag des Gedichtes wieder auf guten Bahnen verläuft. Dass junge Dichter sich nicht mehr erlauben können schlecht vorzutragen, finde ich schon sehr gut.

          Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

          Ich habe das immer als Notwehr bezeichnet gegen diesen grottenschlechten Vortrag, wie das die Autoren der seinerzeit so genannten Neuen Sensibilität gemacht haben. Das war einfach unerträglich, und ich habe das immer als eine Frechheit der Sprache gegenüber verstanden. Ich habe mich auf die Sprechtraditionen von Kraus über Jandl bis Kinski besonnen.

          An diesem Wochenende veranstalten Sie auf der Raketenstation Hombroich das Lyrikfestival Literatur X. Mit dabei: Aris Fioretos, Norbert Hummelt, Ulf Stolterfoth und der Schlagzeuger Frank Köllges. Was ist das Programm hinter dem Programm?

          Wir haben 1995 hier in Hombroich diese Reihe eingerichtet, die inzwischen sehr viel größer geworden ist. Nicht vom Umfang her, wir konzentrieren uns immer auf fünf, sechs Vorträge, und zwar immer auf den dichterischen Vortrag. Diskussionen gibt es nicht. Die Leute sollen sich konzentrieren auf die Vorträge, und danach gibt es symposienmäßig auch immer ein Essen.

          Wie kam die Auswahl - Fioretos, Hummelt, Stolterfoth - zustande?

          Ich probiere immer, in und ausländische Autoren, interessante Vortragende allesamt, selbst bei disparaten Ansätzen zusammen zu bringen. Mir ist vor allem darum zu tun, dass die Autorinnen und Autoren, die hierher kommen, die Sprache ernst nehmen. Das ist das alleroberste Kriterium.

          Worin liegt der Reiz dieser Begegnungen?

          Der Reiz ist, neben den Lesungen natürlich, das Gespräch zwischendurch. Überhaupt das Gespräch. Aber bitte nichts staubtrocken Akademisches. Das kann man andernorts auch haben. Vor allen Dingen sind wir darum bemüht, einen Tralala-Event-Faktor von Vornherein auszuschließen.

          Kein Event, auf der anderen Seite keine konventionalisierte Diskussion ...

          ... sondern Dichtung als beste Unterhaltung!

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