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Interview : „Der Koran verbietet Mord und Selbstmord“

  • Aktualisiert am

Navid Kermani, Islamwissenschaftler und Publizist Bild:

Ein Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Navid Kermani über den Koran und Amerikas Interessen.

          3 Min.

          Der Islamwissenschaftler Navid Kermani, Jahrgang 1967, forscht am Wissenschaftskolleg in Berlin. FAZ.NET sprach mit ihm über das Verhältnis des Islams zur Gewalt und über die Frage, wie sich die Vereinigten Staaten jetzt verhalten sollen.

          Die Anschläge in New York und Washington sollen einen islamischen Hintergrund haben. Wie fühlen Sie sich als Islamwissenschaftler, wenn ein so unfassbares Verbrechen mit der Religion in Verbindung gebracht wird, der Sie selbst angehören?

          Das ist ein furchtbares Gefühl. Ein Verbrechen wie dieses widerspricht allem, was ich über den Islam gelernt habe, allem auch, was mir meine Eltern beigebracht haben.

          Wie kommt es, dass Menschen sich zu so etwas hinreißen lassen, dass sie zu Selbstmord-Attentätern werden?

          Wenn man die Lage in Zentralasien sieht, dann wird verständlich, wie leicht sich dort Menschen für solche fanatische Ideologien rekrutieren lassen. Das Elend und die Ausweglosigkeit sind unbeschreiblich. Die Leute dort haben keine Ausbildung, viele wachsen in Flüchtlingslagern auf. Dann kommt jemand und sagt, das ist der Islam, und das ist dein Gegner. Genau so entstanden die Taliban, die jetzt Terroristen Zuflucht bieten. Aber es ist schon eine neue Dimension, wenn man bedenkt, dass diese Leute ein Flugzeug fliegen konnten, also gut ausgebildete Menschen waren.

          Lädt der Koran denn zu Gewalttätigkeit ein?

          Es gibt in jeder Religion ein Potenzial von Gewalt, weil alle von Wahrheit sprechen. Denken Sie an die Geschichte des Christentums. Der Islam ist bestimmt keine pazifistische Religion. Der Koran ist geprägt von dem kriegerischen Vierteljahrhundert, in dem er entstanden ist. Aber daraus einen Freibrief für Selbstmord-Attentate abzuleiten, wäre absurd. Im Koran heißt es zum Beispiel, man solle nicht nehmen, was Gott gegeben hat. Das ist eine klare Absage an jeden Selbstmord. Es findet sich darin auch der Vers, wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit. Das ist eindeutig ein Verbot, zu töten.

          Es gibt aber auch Verse, die davon sprechen, dass man sich verteidigen soll, wenn man sich und die Religion bedroht sieht. Wenn diese Verse aus dem Zusammenhang gerissen werden, dann können sie missbraucht werden. Die Sache ist sehr komplex. Es gibt ja auch pazifistische Richtungen im Islam, die Mystiker etwa.

          Sie sprechen von Bedrohung. Fühlen sich die Extremisten in islamischen Ländern von Amerika bedroht?

          Klar. Aus ihrem Blickwinkel ist Amerika der Aggressor und Eindringling, gegen den sie sich zur Wehr zu setzen haben. Der Antiamerikanismus ist aber nicht nur eine Sache von Extremisten. Viele vollkommen westlich ausgerichtete Menschen in der islamischen Welt sind mit der Außenpolitik der Vereinigten Staaten in den letzten fünfzig Jahren spätestens seit dem CIA-Putsch gegen die demokratische Regierung Mossadegh in Iran nicht einverstanden, ja sie halten sie für verbrecherisch. Aber sie können unterscheiden zwischen der amerikanischen Außenpolitik und der amerikanischen Nation und den Menschen als solchen.

          Auch sogenannte einfache Leute in Ägypten oder in anderen islamischen Ländern mögen die Amerikaner nicht. Aber die sind genau so entsetzt über das Geschehene wie wir alle. Das Problem sind oft Eliten, die sich aus Machtgründen Feindbilder aufbauen.

          Jetzt ist die fatale Situation entstanden, dass sich die USA noch einmal Feinde machen werden.

          Ich befürchte, dass das geschehen wird und dass damit ein verhängnisvoller Kreislauf in Gang gesetzt wird, der dem im Nahen Osten ähnelt. Nachdem Tausende Unschuldiger ums Leben gekommen sind, nimmt man jetzt ebenfalls den Tod Unschuldiger in Kauf. Daraufhin wird die Gegenseite wieder dasselbe tun.

          Sie meinen, Terroristen könnten dann den Nahost-Konflikt in die Vereinigten Staaten hineintragen?

          Das ist ja jetzt möglicherweise passiert. Es könnte noch schlimmer kommen.

          Was soll Amerika denn tun?

          Das Problem ist vertrackt. Es gibt ein Bedürfnis nach Vergeltung, das menschlich zu verstehen ist nach so einem unfassbaren Verbrechen. Andererseits: Nehmen wir an, Osama Bin Laden steckt wirklich dahinter, was wollen Sie dann tun? In Afghanistan gibt es nichts zu bombardieren. Das Land ist schon völlig am Boden.

          Das Verrückte an der Sache ist: Es war ja der CIA, der Terroristen wie Osama Bin Laden stark gemacht hat: zunächst im Kampf gegen die Russen, später unterstützte man die Taliban im Kampf gegen die Regierung Rabani. Aus dieser Zeit stammen die wenigen Informationen, die die Amerikaner im Kampf gegen das Netzwerk haben. Das Wichtige ist jetzt, Bin Laden und sein Netzwerk zu zerschlagen. Doch das würde nicht ausreichen.

          Warum?

          Die Verzweigungen sind sehr unübersichtlich. Die Brücke der Taliban zur Außenwelt ist Pakistan, ein Verbündeter der Vereinigten Staaten. Die finanziellen Quellen dieses Netzwerkes sind etwa in Saudi-Arabien zu finden - ebenfalls ein Partner des Westens, auch wenn die Unterstützer nicht in staatlichen Stellen sitzen mögen, sondern reiche Gönner sind. Die Ideologie, die dahintersteht, ist verwandt mit jener der Wahabiten auf der arabischen Halbinsel. Die Gefahren, die von diesem Netzwerk ausgehen, werden seit Jahren beschrieben. Geschehen ist nichts.

          Amerika muss daher seine Politik als Ganzes überdenken. Die USA definieren ihre Interessen oft in einer Weise, die ihren Interessen widerspricht. Sie arbeiten mit Leuten zusammen, die Kriminelle sind und geben ihnen Waffen. Wenn diese ihren Job getan haben, geraten sie außer Kontrolle.

          Fürchten Sie einen dauerhaften Konflikt zwischen muslimischer Welt und dem Westen?

          Das Wichtigste ist, dass genau der verhindert wird. Amerika muss versuchen, durch eine vertrauensbildende Politik gemeinsam mit den gemäßigten Kräften im Nahen Osten die Terroristen zu isolieren. Und es muss, wie gesagt, seine Interessen neu definieren.

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