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Interview : Der amerikanische Traum ist ausgeträumt

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Träumt, Ihr Europäer: Jeremy Rifkin Bild: Lehtikuva Oy

Europa hat Amerika in vielerlei Hinsicht längst übertroffen - nur hat es das noch gar nicht gemerkt. Ein Gespräch mit Jeremy Rifkin über sein neues Buch „Der Europäische Traum“.

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          Europa hat Amerika in vielerlei Hinsicht längst übertroffen - nur hat es das noch gar nicht gemerkt. Ein Gespräch mit Jeremy Rifkin über sein neues Buch „Der Europäische Traum“.

          In Ihrem neuen Buch sagen Sie Europa eine vielversprechende Zukunft voraus, während Sie Amerika im Niedergang sehen. Was paßt Ihnen am amerikanischen Traum nicht mehr? Warum soll nun ein europäischer Traum an der Reihe sein?

          Bis in die späten sechziger Jahre kamen sich Mythos und Realität des amerikanische Traums ziemlich nah. Kein Land war sozial durchlässiger als Amerika. Das hat sich radikal verändert. In bezug auf Einkommensgleichheit rangieren wir jetzt an vierundzwanzigster Stelle unter den Industriestaaten. Vor dreißig Jahren hätte noch jeder Amerikaner gesagt, er glaube an den amerikanischen Traum. Heute sagt ein Drittel von ihnen, sie hätten den Glauben daran verloren. Das ist erschreckend, denn der Traum war unser sozialer Kitt, der das Land zusammenhielt, und dieser Traum ist dabei zu verblassen. Zudem stellen viele seinen Kern, den materiellen, individuellen Erfolg, in Frage.

          Aber warum schauen dann europäische Unternehmer so neidisch aufs amerikanische Modell?

          Sie machen da einen Fehler. Die Europäische Union ist das erste transnationale Bündnis in der Geschichte, mit einem größeren Bruttoinlandsprodukt als Amerika. Um das wahre Ausmaß des Wandels zu begreifen, müssen wir die deutsche Wirtschaft mit der kalifornischen vergleichen, die britische mit der des Bundesstaats New York, die französische mit der texanischen. In jedem angeführten Fall sind die europäischen Staaten den amerikanischen überlegen. Wenn Sie die Sache so betrachten, erkennen Sie das ungeheure Potential dessen, was in Europa geschieht.

          Europa sieht aber weniger eine blühende als eine unbezahlbare Zukunft und versucht sich in seiner Not eben auch an Amerika oder zumindest an dessen funktionierenden Teilen zu orientieren.

          Falsch, falsch, alles falsch. Amerikaner prahlen gern, Europäer verzweifeln gern. Wenn Sie sich aber an die Wirklichkeit halten, müssen Sie feststellen, daß Europa Amerika in so bedeutsamen Bereichen wie Lebensqualität, Erziehung und Gesundheitsfürsorge schon übertroffen hat. Die Europäer müssen sich fragen: Nach welchen Werten wollen wir unser Leben führen? Wenn es nur, ungeachtet aller Risiken für die Lebensqualität, um höheres Gehalt und uneingeschränktes Wirtschaftswachstum gehen soll, kann Amerika Vorbild sein, aber nur streckenweise. Aber wir in Amerika glauben aufgrund unserer protestantischen Geschichte, daß jeder für sein Leben selbst verantwortlich ist. Wir halten uns für das auserwählte Volk. Wer unsere religiöse Inbrunst nicht versteht, kann uns nicht verstehen. Daraus beziehen wir unseren Optimismus: Was soll schon passieren, wenn wir Gott an unserer Seite haben? Ich frage mich, ob säkulare Europäer genug Hoffnung und Optimismus aufbringen, um ihren eigenen Traum, der allmählich Gestalt annimmt, zu verwirklichen.

          Nun müssen Sie den Europäern erst einmal erzählen, was sie zu träumen haben.

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