https://www.faz.net/-gqz-nz43

Interview : „Das Denkmal soll seelische Schwelbrände auslösen"

  • Aktualisiert am

Holocaust-Mahnmal: mit unbeantworteten Fragen zum Reden zu bringen Bild: AP

Architekt Peter Eisenman spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Holocaust-Mahnmal, Berlin, sein Judentum und den Kollegen Albert Speer.

          4 Min.

          Architekt Peter Eisenman spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Holocaust-Mahnmal, Berlin, sein Judentum und den Kollegen Albert Speer.

          In der deutschen Auseinandersetzung mit dem Holocaust spielen jüdische Amerikaner eine entscheidende Rolle. Daniel Libeskind hat das Jüdische Museum in Berlin gebaut, Michael Blumenthal ist sein erster Direktor. Sie selbst haben das Denkmal für die Ermordeten Juden entworfen. Zufall?

          Reiner Zufall. Ich habe mich nie als jüdisch-amerikanischen Architekt gesehen. Ich war immer ein amerikanischer Architekt, der zufälligerweise Jude war. Daß ich Jude bin, hat nie zu meiner äußeren Erscheinung gehört. Ich habe keine jüdischen Kunden. Ich habe als Junge nicht Bar Mizwa gefeiert. Ich bin ein sehr weltlicher Jude.

          Hatten Sie Christbäume zu Hause?

          Wir hatten Christbäume, seit ich drei war. Definitiv: Ich habe den Auftrag für das Denkmal für die Ermordeten Juden in Berlin nicht übernommen, weil ich Jude bin.

          Der damalige Berliner Kultursenator Radunski hat gesagt, Blumenthal hätte im Jüdischen Museum nie erfolgreich sein können, wenn er nicht als jüdischer Amerikaner vor den innerdeutschen Verdächtigungen - entweder "Verdrängung" oder "Reinwaschung" - geschützt gewesen wäre.

          Ich sehe das nicht so. Die Deutschen haben nach dem Krieg selbst wichtige Stimmen hervorgebracht. Es gibt Habermas, es gibt Horkheimer, es gibt die ganze Frankfurter Schule. Es gibt "Im Krebsgang", das neue Buch von Günter Grass. Ich werde mich nicht hinstellen und sagen, Deutschland ist unfähig, mit seiner Vergangenheit umzugehen. Und wenn ich in diesem Fall Erfolg hatte, dann nicht, weil ich jüdische Wurzeln habe. In der Debatte um das Denkmal habe ich nie so etwas gespürt wie "Wir müssen diesen Mann schonen, weil er ein Jude ist". Es ist auch inhaltlich nicht richtig, daß ich als Jude für diese Aufgabe besonders geeignet gewesen wäre. Man braucht nicht Katholik zu sein, um eine katholische Kirche zu bauen. Es ist sogar besser, wenn man keiner ist. Man weiß sonst zuviel und ist in Versuchung, zu viel zu sagen. Ich selbst habe vom Holocaust sehr wenig gewußt, als ich die Arbeit am Denkmal begann. Meine Familie lebt seit dem 19. Jahrhundert in Amerika und war nicht direkt betroffen. Und jetzt behaupte ich, daß meine Unwissenheit kein Nachteil war. Nur so konnte ein "kritischer" Entwurf entstehen - einer, der auf jede vorschnelle Aussage verzichtet, der weniger ein großes, fertiges Statement sein will als eine große, offene Frage.

          Hat diese kreative Unwissenheit sich halten können? Oder hat die Arbeit am Holocaust-Mahnmal den säkularen Juden Peter Eisenman wieder "jüdischer" gemacht?

          Ohne Frage hat die Arbeit den jüdischen Aspekt meiner Person wieder hervortreten lassen.

          Ist es Ihnen da gegangen wie so vielen anderen Juden, deren kollektiver Horizont seit dem Verblassen der Religion die Schoa geworden ist?

          Sicher. Sehen Sie, ich gehe zwar immer noch nicht zur Synagoge. Ich habe keine jüdische Frau geheiratet, und mein jüngster Sohn wird nicht Bar Mizwa feiern. Wir haben jedes Jahr einen Christbaum. So weit geht das. Ich persönlich ziehe die Trennlinie erst beim Osterfest. Da gehe ich nicht hin. Ich muß die Ostergeschichte nicht mögen, und hier hört für mich die Annäherung auf - selbst wenn unsere Kinder all das Zeug, die Osterhasen und so, natürlich auch bekommen. Die Arbeit am Holocaust-Mahnmal hat hier auf den ersten Blick nicht viel verändert. Der rabbinische Judaismus ist mir weiter fremd. Aber eines ist anders geworden: Ich bin meinem psychologischen Judentum jetzt viel näher. Mein Therapeut hat mir in den Monaten der Arbeit geholfen, den verdrängten Juden in mir freizulegen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Westen misstraut den Chinesen. Besonders groß ist die Angst bei der Einführung des 5G-Mobilfunkstandards.

          Spionage-Vorwurf gegen Huawei : Misstrauen ist gut

          Innenpolitiker haben Angst davor, dass die Chinesen den Mobilfunk ausspionieren. Manches spricht dafür, dass sie das gar nicht tun. Macht das einen Unterschied?

          Klimapaket : Weg frei für billigere Bahntickets

          CO2-Preis und Pendlerpauschale sollen steigen. Dafür werden Bahnfahrten günstiger. Die Bundesregierung und die Bundesländer haben sich jetzt doch weitgehend auf einen Kompromiss beim Klimapaket verständigt.
          Widerstand gegen das Staatsbürgerschaftsgesetz: Ein Bus brennt auf einer Straße in Neu-Delhi.

          Proteste gegen neues Gesetz : Unruhen in Indien weiten sich aus

          In Brand gesteckte Fahrzeuge, ein von der Polizei gestürmter Campus, Dutzende Verletzte: Der Widerstand gegen das Staatsbürgergesetz wächst. Haben sich Ministerpräsident Narendra Modi und sein Innenminister Amit Shah verkalkuliert?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.