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Interview : Autor Georg Klein: Scham und Lust und Deutsche Einheit

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Nachdenklich und hintersinnig: der Autor Georg Klein Bild: dpa

Mit seinem neuen Erzählband will er bittersüße und riskante Erfahrungen des Deutschseins vermitteln, sagt der Autor Georg Klein im Gespräch mit FAZ.NET.

          4 Min.

          Seinen gerade erschienenen Erzählungsband hat der Schriftsteller Georg Klein „Von den Deutschen“ genannt. Das Umschlagbild des Buches ziert der Ausschnitt aus einem Bild Caspar David Friedrichs. Das sieht nach einem ernsten Buch aus zu einem ernsten Thema. Allerdings gilt der Autor, mit seinen beiden Roman „Libidissi“ und „Barbar Rosa“ zur wichtigen Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur geworden, als hintersinniger Erzähler mit einem Hang zur Ironie. Was also hat es auf sich mit „Von den Deutschen“? Mit FAZ.NET sprach Georg Klein auf der Frankfurter Buchmesse über Deutschsein und „Nazionalcharakter“, über Schreiben von selbst und den Unterschied zwischen Literatur und Schnaps.

          Sie haben Ihren neuen Prosaband „Von den Deutschen“ genannt. Das klingt schon fast wie ein Programm. Haben Sie ein programmatisches Buch geschrieben?

          Nein. Ich glaube, Programm und Literatur, das geht ganz schlecht zusammen. Es wäre ein Fehler, einen Erzählraum programmatisch zu gestalten.

          Ihre Texte funktionieren nicht im Sinne von Kurzgeschichten, sondern sind eher eine Art Doppelporträt. Sie führen Ihre Figuren in Situationen, um sie zu porträtieren, wie sie sich ineinander spiegeln.

          Pointen, die eine Geschichte vernichten, interessieren mich überhaupt nicht. Das, was man „Witz“ oder „situative Zuspitzung“ nennen könnte, muss eigentlich in einem einzigen Satz möglich sein. Ein Satz muss bereits so witzig sein können, wie die Pointe einer schlechten Kurzgeschichte das in der Regel nicht schafft.

          Sie haben Ihr Buch „Von den Deutschen“ genannt, und dieser Titel birgt eine gehörige Portion Pathos. Sie haben die einzelnen Abschnitte des Buches „Riesen“, „Recken“ und „Wichte“ genannt, und in dieser Namenswahl liegt wiederum eine Portion Ironie. Ist Ironie der Königsweg, sich einem so großen Thema zu nähern?

          Ironie ist eine Droge, die man ganz vorsichtig dosieren muss. Zuviel Ironie, das ist so ähnlich wie zuviel schlechter Kaffee. Es gibt so eine Allerweltsironie, die alles völlig durchsuppt. Eine Ironie, die noch Kraft hat, die noch als Ironie wirkt, braucht wie ein Trampolin als Abstoßboden eine Ernsthaftigkeit, eine ernste Gestimmtheit. Ich bin sehr für das Wort „Pathos“ im Sinne einer starken Gestimmtheit. Und wenn dann die Ironie darauf hüpft, merkt man schon, ob es hohl klingt oder ob das Pathos standhält.

          Im Ernst: Gibt es grundsätzlich etwas über die Deutschen, was Sie in dem Buch sagen wollen?

          Ich glaube wirklich, dass Deutschsein so etwas wie eine Erfahrung ist, aber eine, die man nur in einem bestimmten Erfahrungsraum machen kann. Ich vermute, Sie fühlen sich nicht besonders deutsch, wenn Sie morgens im Bett aufwachen oder wenn Sie in der U-Bahn fahren und gerade nicht genau wissen, ist das jetzt London, Berlin, Wien oder Paris. Es müssen schon besondere Räume sein, die diese Erfahrung erzeugen. Und eigentlich ist jede dieser zwölf Erzählungen so etwas wie eine Versuchsanordnung, um die Erfahrung des Deutschseins zu ermöglichen - auf süße, auf eher bittersüße und manchmal auch auf riskante Art.

          Wie entsteht Ihre Prosa?

          Ich warte einfach, bis sich für eine Erzählung ein gewisser innerer Druck aufgebaut hat. Das kann unter Umständen ganz schnell gehen. Bei der Erzählung „Von den Deutschen“ war es der Anruf eines Zeitungsredakteurs. Der fragte mich, ob ich etwas zum Tag der Deutschen Einheit schreiben könnte, und dann holt er kurz Luft und sagt: „Etwas Schönes“. Ich habe gedacht, ich habe mich verhört: „Zum Tag der Deutschen Einheit etwas Schönes? Meinen Sie das ernst?“ Und er sagt, leicht verschämt: „Ja.“ Und aus dieser Scham, andererseits auch aus dieser Lust, etwas Schönes zum Tag der Deutschen Einheit zu schreiben, ist dann ganz schnell diese Erzählung entstanden, an drei, vier Vormittagen.

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