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Friedenstreffen, interreligiös : Im Rettungsboot

Nahm an interreligiösem Friedenstreffen in Rom teil: Papst Franziskus Bild: AFP

Von der Seelen- zur Planetenrettung: Beim interreligiösen Friedenstreffen in Rom verflüchtigte sich das christliche Heilsmonopol ins Politische.

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          Sie haben es wieder getan. Vertreter verschiedener Weltreligionen trafen sich am Dienstag zum Friedensappell, diesmal auf dem Kapitol in Rom. Im „Geist von Assisi“ finden solche interreligiösen Treffen seit 1986 statt. Damals hatte Johannes Paul II. in den Geburtsort des heiligen Franziskus geladen, um für den Frieden zu beten. Assisi steht seitdem auch für die konservative Befürchtung, der christliche Wahrheitsanspruch werde durch das sinnfällige, öffentlichkeitswirksame Nebeneinander des Papstes mit anderen Religionsführern relativiert. Das war freilich immer schon blinder Alarm. Genau umgekehrt lassen sich diese Treffen als sublimer Ausdruck des christlichen Heilsmonopols lesen, das da lautet: Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil, und wenn man seine Seele auch in anderen Religionen retten kann, so doch nur, weil das „ungeheure Schauspiel der christlichen Heilsökonomie“ (Henri de Lubac) sich auch dort auswirkt, Christus als Heiland universal ist.

          Niemand konnte dieses skandalöse Verständnis von religiöser Wahrheit so kolloquial verkaufen wie der listenreiche, bei Freund und Feind als Trickser vor dem Herrn beschriebene Kardinal Karl Lehmann, der vor zwanzig Jahren in einem Zeitungsinterview erklärte: „Dass die katholische Kirche an der unbedingten Verbindlichkeit der Wahrheit ihrer Glaubensinhalte festhält, darf man doch nicht mit Fanatismus und mit einem unüberlegten Fundamentalismus verwechseln. Der Anspruch auf Wahrheit gehört zum Begriff der Kirche und mehr oder weniger zu jeder Religion. Wichtig ist allerdings, dass dies eine Wahrheit ist, die sich nicht verschließt, sondern sich in ihrer verbindlichen Kraft universal öffnet.“ Man kann sich angesichts dieser theologischen Vereinnahmungsstrategie – die christliche Wahrheit kommt auch in anderen Religionen zum heilbringenden Zuge – also eher darüber wundern, dass die anderen Religionsführer sich neben den Papst stellen, als darüber, dass der Papst sich neben sie stellt.

          Ironischerweise wurde auf die Heilsfrage und ihre katholische Universalisierung diesmal schon im Motto des Friedenstreffens angespielt: „No one is saved alone“ (niemand wird allein gerettet). Die Ironie liegt darin, dass sich die himmlische Rettung bei den Ansprachen auf dem Kapitol dann doch ins Irdische verflüchtigte: als Rettung des Planeten, auf dem alle in einem Boot säßen, die Pandemie habe es uns gezeigt. Der Papst erteilte dieser Umdeutung von der Seelen- zur Planetenrettung seinen Segen, als er das Verb „retten“ einerseits einen theologischen Begriff nannte, diesen dann aber andererseits, unter Rückgriff auf seine jüngste Enzyklika, in praller Diesseitigkeit auslegte: Wir, „ein großes, vielfältiges Wir“, würden uns nur dann gemeinsam retten, „wenn wir einander begegnen, miteinander verhandeln, uns versöhnen“. Was sich hier universal öffnet, ist die verbindliche Kraft des Politischen. Zeigt sich darin etwa die neueste päpstliche List, das christliche Heilsmonopol zu camouflieren? Oder ist es nur das Eingeständnis: Rette sich, wer kann?

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