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Internet in China : Menschenfleisch gesucht

In China hat sich im Internet ein eigenes Aufdeckungssystem von Fehlverhalten entwickelt Bild: picture-alliance/ dpa

Chinas Internetgemeinschaft hat ein eigenes Polizeisystem entwickelt, das sich mit vereinten Kräften bemüht, Übeltäter aufzuspüren. Das bringt manchmal auch Regierungsvertreter in Verlegenheit. Doch die Grenze zur Denunziation ist fließend.

          Das ist eine der Geschichten, wie sie das raue Leben im chinesischen Internet schreibt. In einem Restaurant in der südlichen Wirtschaftsmetropole Shenzhen bat letzte Woche ein untersetzter Mann von Ende fünfzig ein elfjähriges Mädchen, ihm den Weg zur Herrentoilette zu zeigen, und packte es dort am Nacken. Das entsetzte Kind konnte entkommen, und die Eltern stellten den Mann mitten im Lokal zur Rede. Der zeigte sich uneinsichtig. Er schubste den Vater des Mädchens von sich, zeigte mit dem Finger auf ihn und schrie: „Ja, ich hab’s getan, na und? Wie viel Geld willst du haben, sag mir einen Preis. Ich zahle ihn.“

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er wurde immer unverschämter: „Weißt du, wer ich bin? Ich bin vom Transportministerium in Peking hierher geschickt worden, mein Rang ist so hoch wie der eures Bürgermeisters. Also was soll’s, wenn ich das Kind ein bisschen angefasst habe? Wer seid ihr überhaupt im Vergleich zu mir? Ihr wagt es, euch mit mir anzulegen? Dann wartet einmal, was ich mit euch machen werde.“ Der Vater rief die Polizei, doch die stellte fest, dass der Mann zu betrunken sei, um sich erinnern zu können, und ließ ihn wieder laufen.

          Rache für Willkürakte

          Das Zwiegespräch war indessen von der Überwachungskamera des Restaurants aufgenommen worden, und irgendwie gelangte die Szene ins Internet, wo sie einen Sturm der Entrüstung im ganzen Land entfachte. „Ihr nutzt öffentliche Gelder zum Essen und Trinken, wir ertragen es“, hieß es in einer von Zehntausenden Eintragungen: „Ihr brüstet euch mit euren Dienstwagen, wir ertragen es. Ihr habt dritte und vierte Frauen, wir ertragen es. Und jetzt wollt ihr noch nicht einmal unsere Kinder in Ruhe lassen . . . “ Es dauerte nicht lange, bis die Parole ausgegeben wurde: „Kommt, lasst uns die Menschenfleisch-Suchmaschine anwerfen!“

          Das ist ein populäres Stichwort, das China seit mindestens zwei Jahren aufwühlt. „Renrou souso“ ist eine bildkräftige Umschreibung des Vorgangs, dass die nationale Online-Gemeinde mit vereinten Kräften, Daten und Fotos die konkreten Personen identifiziert, die hinter im Netz kursierenden Geschichten stehen. Auch diesmal brauchte es nicht lang, bis der Mann im Restaurant mit Namen, Arbeitsstelle, Adresse und Telefonnummer gefunden war: Es handelte sich um einen Parteisekretär in der Hafenbehörde von Shenzhen; er und Fotos von ihm im Kollegenkreis sind heute im ganzen Land bekannt. Das Amt konnte sich in den folgenden Stunden vor erbosten Anrufen nicht retten. Kurz danach später meldeten staatliche Zeitungen und die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua, eine polizeiliche Untersuchung sei im Gange und der Parteisekretär von seinen Ämtern suspendiert worden.

          Löcher im Kontrollsystem

          Was lernt man aus dieser Begebenheit? Erst einmal, wie kaltschnäuzig ein Funktionär in China nach wie vor auf seine Machtposition vertrauen zu können glaubt. Dann aber auch, wie der ursprünglich keineswegs politisch gemeinte Wildwuchs des chinesischen Internets daran mitwirkt, diesen Zustand zu ändern. Nachrichten über Willkürakte und Proteste lassen sich, sobald sie sich im elektronischen Netz erst einmal verbreitet haben, nicht mehr ohne weiteres aus der Welt schaffen, mögen sich die Kontrollbehörden auch noch so viel Mühe geben, heikle Eintragungen so schnell wie möglich zu löschen.

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