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Internet in China : Menschenfleisch gesucht

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Im Juni wurde die Online-Debatte über einen gewaltsamen Zusammenstoß von mehr als dreißigtausend Protestierenden mit der Polizei in der Stadt Weng’an heftig zensiert; aber die Vorfälle waren zu diesem Zeitpunkt bereits so bekannt, dass auch die staatlichen Medien bald detailliert über sie berichteten, und nach einem Besuch des Provinz-Parteichefs wurde die örtliche Parteiführung ausgetauscht. Das Arkanum, in dessen geschütztem Raum die Kommunistische Partei Konflikte unter sich zu regeln pflegte, bekommt durch die Öffentlichkeit, die das Internet herstellt, immer mehr Löcher.

Forum für Chauvinisten

Allerdings hat die „Menschenfleisch-Suchmaschine“ ein Doppelgesicht. In anderen Fällen diente sie nämlich keineswegs der Verteidigung Einzelner gegen die Arroganz der Macht, sondern einzig und allein der Verfolgung Einzelner. Besonderes Aufsehen erregte nach dem Tibet-Konflikt der Fall einer chinesischen Studentin in Amerika, die es gewagt hatte, zwischen Tibetern und Han-Chinesen vermitteln zu wollen. Fotos, die sie bei einer Demonstration zeigten, reichten aus, damit chauvinistische Blogger nicht bloß ihre persönlichen Daten, sondern auch die ihrer Eltern in Qingdao ermittelten. Sie mussten vor den Attacken des Mobs aus der eigenen Wohnung fliehen.

Die Motive solcher Menschenjagden brauchen nicht politisch zu sein; als Anlass ist alles möglich, was einer genügend großen Anzahl von Menschen missfällt: ein sexuelles Verhalten, ein Werturteil, ein Bild. Bei einer Umfrage der Parteizeitung „China Youth Daily“ gaben zwanzig Prozent an, dass sie fürchteten, selbst einmal zur Zielscheibe zu werden. Die vermehrten technischen Möglichkeiten des Mobbings werden durch Gesetze kaum in Zaum gehalten und auch nicht durch einen tradierten Sinn für Privatsphäre oder durch öffentliche Diskussionen darüber, wie man in der Gesellschaft miteinander umgehen soll. Die digitale Hetze mit ihren Ressentiments scheint vielmehr gerade als Ersatz für Argumente zu fungieren, die bei einer solchen offenen Verständigung über Moral notwendig wären.

Den Raum des Einzelnen schützen

So bekommt die Kommunistische Partei Chinas mitunter nun auch selber den Fluch der mangelnden Privatheit und der mangelnden Diskussion zu spüren, die sie sich bisher zunutze machte. Infolge der zunehmenden Individualisierung wird sie auf Dauer nicht umhin können, den Raum des Einzelnen mehr zu schützen – auch um den Preis, dass daraus ein Anspruch gegen sie selbst entstehen könnte. Datenschutzgesetze sind in Vorbereitung. Vorerst aber scheint der Schutz besonders den eigenen Leuten zu gelten. Die Polizei in Shenzhen entschied jetzt nach eingehender Prüfung, dass die Verdachtsmomente gegen den Parteisekretär der Hafenbehörde nicht ausreichen, ihn eines „unsittlichen Verhaltens“ zu bezichtigen.

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