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Internet : Ein zweites Leben im Linden-Land

Hamlet Linden: Nur den Vornamen durfte er sich aussuchen Bild: Linden Labs

Als Reporter unterwegs in einer neuen Welt: „Second Life“ ist eine virtuelle Spielewelt, bei der es mehr um Selbstverwirklichung geht als um Highscores. Heute noch kollektive Illusion, morgen Mainstream.

          5 Min.

          Es ist nicht leicht zu beschreiben, was genau mit Wagner James Au passiert ist, seit er vor knapp zwei Jahren einen neuen Vertrag unterschrieben hat. Man könnte, wenn man versucht, die Sache ganz nüchtern zu erklären, zunächst folgendes festhalten: Ein Journalist, der seit Jahren für renommierte Internetmagazine wie „Salon“ und „Wired“ über die interessanteren Aspekte von Computerspielen schreibt, weniger also über Grafik-Engines und Gewaltverherrlichung und mehr über soziale und kulturelle Aspekte des Mediums, dieser Autor wechselt das Lager.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ein aufstrebender Spielehersteller spricht ihn an, ob er nicht künftig Texte für das Unternehmen verfassen will, über dessen neues Online-Spiel „Second Life“, und weil es sich bei der Firma Linden Labs nicht um einen Verlag handelt, muß man die Art dieser Texte rein formell wohl als Pressemitteilungen bezeichnen. Der Ton ist anders als üblich, kein bißchen marktschreierisch, aber in dieser Branche ist das auch nicht besonders revolutionär. Eine Website wird eingerichtet, ein Weblog, in dem Au über die neuesten Entwicklungen rund um „Second Life“ berichtet: „New World Notes“ - Notizen aus der neuen Welt.

          Für Au hat sich nicht nur der Arbeitgeber geändert: Der Mann ist fülliger geworden im Gesicht, seinen Grunge-Bart hat er zurückgestutzt, er trägt neuerdings mit Vorliebe weiße Anzüge, wie sein Vorbild Tom Wolfe, und einen neuen Namen: Als Hamlet Linden kennen ihn die Spieler von „Second Life“ - den Vornamen durfte er sich aussuchen, den Nachnamen bekam er zugeteilt. Alle Angestellten von Linden Labs heißen Linden, wenn sie die virtuelle Welt von „Second Life“ betreten. Und so hat Wagner James Au, dessen echter Name für viele schon virtuell genug klingt, plötzlich nicht nur einen neuen Job, sondern ein ganz neues Leben. Ein zweites Leben eben.

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          Kein vorgegebenes Thema

          „Second Life“ ist ein sogenanntes MMORPG, ein „Massive Multiplayer Online Role-Playing Game“, eine virtuelle Spielewelt, bei der es mehr um Selbstverwirklichung geht als um Highscores. Wer mitspielen will, gestaltet eine Spielfigur, einen Avatar, mit dem er dann die 3D-Umgebung des Spiels erkundet. Im Unterschied zu älteren Spielen dieser Art, die sich oft an der mittelalterlichen Ästhetik des Fantasy-Genres orientieren, gibt es bei „Second Life“ kein vorgegebenes Thema. Die Kreativität der Spieler selbst hat die anfangs nackte Landschaft in ein eklektisches Utopia verwandelt, eine surreale Welt aus Wild-West-Dörfern und postapokalyptischen Metropolen, in denen hedonistische Party-People in extravaganten Clubs tanzen, während nebenan eine andere Gruppe den Zweiten Weltkrieg nachspielt. Es gibt unzählige kulturelle Veranstaltungen, Lesungen und Ausstellungen und Konzerte, bei denen per Internet-Stream Musik hochgeladen werden kann. Die Bevölkerung von „Second Life“ muß nicht arbeiten, nicht essen und nicht schlafen - und viele der Spieler loggen sich auch nur eben dazu aus ihrem virtuellen Zuhause aus, das längst ihr erstes geworden ist.

          Der erste wirklich „eingebettete“ Journalist

          Über all diese Dinge berichtet Au, für seine Mitspieler genauso wie für Menschen, die es nicht kennen, dieses seltsame Linden-Land. Er ist, wenn man so will, der erste Korrespondent aus der virtuellen Welt; der erste Journalist vielleicht, auf den die Bezeichnung „embedded“ tatsächlich zutrifft. Seine tägliche Routine unterscheidet sich nicht sehr von der seiner Reporterkollegen: Auf der Suche nach Themen liest Au die Weblogs anderer Spieler und geht Informationen nach, die ihm vermittelt werden, aber meistens fliegt er einfach durch die digitale 3D-Welt, die sich ständig verändert (Fliegen ist die übliche Fortbewegungsart in „Second Life“). „Es ist paradox“, meint Au, der als Computerjournalist die meisten seiner Themen vom Schreibtisch aus recherchiert hat, „aber das ist eigentlich mein erster Reporterjob. Wenn ich auf die Straße gehe und Meinungsumfragen mache oder über Konflikte und 'breaking news‘ berichte, entspricht das eher der Rolle eines Tageszeitungsreporters als der eines freien Journalisten.“

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