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Internet : Das Unbehagen an der digitalen Macht

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Shirky: Ich glaube, wofür zu kämpfen sich in diesem Zusammenhang lohnt, ist die Fähigkeit der Bürger eines Landes, miteinander zu kommunizieren, und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das nicht ohne politische Folgewirkungen bleibt. Man sitzt nicht einfach herum und wartet darauf, dass Volkswirtschaften zusammenbrechen. Ich glaube, der Grad, in dem Bürger miteinander kommunizieren können, ist wesentlich wichtiger als der Zugang zu Informationen oder die Kommunikation mit dem Ausland. Worüber wir uns Gedanken machen sollten, ist die Redefreiheit, nicht als flammendes Fanal, nicht als politisches Recht, sondern als täglich gelebte Möglichkeit. Wie gedeiht sie? Denn die Welt ist immer noch besser dran, selbst wenn sich in Ländern, in denen die Redefreiheit gedeiht, nichtwestliche Normen in der Bevölkerung ausbilden.

Morozov: Mit Sicherheit. Ich stimme fast allem zu, was Sie soeben nahegelegt haben. Nichtsdestoweniger gibt es noch eine Menge Kleinigkeiten, die das Außenministerium tun muss und gegenwärtig nicht sehr gut macht. Nehmen wir die Sanktionen gegen amerikanische Unternehmen, die angeblich Anfang März aufgehoben wurden. Klingt gut, nicht wahr? Aber wenn man sich die Sache genauer anschaut, stellt man fest: Ein Iraner, der in den Staaten lebt und eine simple Google-Anzeige auf Farsi auf seiner Website plazieren will, um ein bisschen Geld zu verdienen (statt sich von ausländischen Staaten finanzieren lassen zu müssen), kann das noch immer nicht tun.

Es gibt eine Menge kleiner Details wie dieses, an denen man ansetzen könnte. Derzeit scheint mir das Außenministerium wie ein Elefant im Porzellanladen, was ein Jammer ist. Man hätte sich keine schlechtere Zeit aussuchen können, um ein Elefant im Porzellanladen zu sein, denn so, wie sich die Vereinigten Staaten jetzt gebärden, wird man sie für immer in Erinnerung behalten. Wenn die Iraner, die Chinesen und die Russen den Eindruck bekommen, dass das Silicon Valley mit dem Außenamt unter einer Decke steckt, dann dürfte dieser Eindruck eine ganze Weile, vielleicht für immer haften bleiben. (Man versuche mal, Ausländer davon zu überzeugen, dass nicht die Ölmultis in Washington das Sagen haben!) So, wie viele im Ausland - dank acht Jahren George W. Bush - den Eindruck gewonnen haben, dass die Förderung der Demokratie notwendigerweise den Wandel von Regimen einschließt, könnten sie recht bald ähnliche Vorstellungen darüber entwickeln, was unter „Freiheit im Internet“ zu verstehen ist. Ich glaube mithin, die Diplomaten müssen sehr bedacht vorgehen und sich darauf konzentrieren, diese kleinen Probleme auszuräumen, statt zu sagen: Wir sind eine Partnerschaft mit Twitter eingegangen, und die Welt sollte das wissen!

Diese Art von Diplomatie, die auf ausländische Öffentlichkeiten zielt, schreit nach etwas weniger Öffentlichkeit.

Evgeny Morozov ist Mitherausgeber des Magazins „Foreign Policy“. Sein Blog „Net Effect“ beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Internets auf globale politische Strukturen. Bevor er seinen Lehrauftrag am Institut für Diplomatische Studien an der Universität Georgetown in Washington annahm, lebte der gebürtige Weißrusse in Berlin und Prag.

Clay Shirky lehrt „Neue Medien“ an der New York University. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie soziale Netzwerke im Internet unsere Kultur beeinflussen. In seinem 2008 erschienenen Buch „Here Comes Everybody“ untersuchte er die Wirkung von Online-Tools wie Twitter, Flickr, Wordpress oder MySpace. Er berät Unternehmen wie Nokia und die BBC.

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