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Internet : Das Unbehagen an der digitalen Macht

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Morozov: Ich mache mir aber noch über etwas anderes Sorgen, und zwar darüber, wie das Internet den Charakter des politischen Widerstands in autoritären Regimen verändert. Wenn Sie Kierkegaard gelesen haben, werden Ihnen einige subtile Kierkegaardsche Untertöne in meiner Kritik des Twitter-Aktivismus aufgefallen sein. Kierkegaard lebte genau in der Zeit, die Habermas so preist: Cafés und Zeitungen waren in ganz Europa auf dem Vormarsch, eine neue demokratische Öffentlichkeit bildete sich heraus. Kierkegaard aber machte es zunehmend Sorgen, dass immer mehr Meinungen im Umlauf waren, dass es allzu leicht war, Menschen für beliebige Anliegen zusammenzutrommeln, dass niemand sich irgendeiner Sache tief verpflichtet fühlte. Es gab nichts, wofür Menschen zu sterben bereit waren. Ironischerweise ist das auch eines meiner Probleme mit dem wahllosen Charakter des digitalen Aktivismus: Er würdigt unser Engagement für politische und gesellschaftliche Themen, die wirklich wichtig sind und permanente Aufopferung verlangen, herab.

Shirky: Eine der lustigen Sachen, die Habermas im „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ sagt (und lang ist die Liste der lustigen Dinge in diesem Buch nicht), ist, dass die Zeitungen die Öffentlichkeit am meisten beförderten, als es noch keine Redefreiheit gab, so dass die Herausgabe einer Zeitung ein Akt öffentlichen Widerstands war. In ähnlicher Weise ist ein Protest, der bei relativ geringem Risiko relativ leicht zu koordinieren ist, nicht nur als Protest weniger wert, sondern lenkt potentiell auch einige der Energien ab, die anderswo gebraucht werden könnten.

Morozov: Ich bin ebenfalls nicht sicher, ob Blogger so großartige Symbole für regierungskritische Kampagnen sind. Die gewöhnlichen unpolitischen Menschen, über die wir sprechen, die, die am Ende den Mut aufbringen, auf die Straße zu gehen und die Staatsgewalt herauszufordern: Diese Menschen müssen von Leuten angeführt werden, die bereit sind, mutig für ihre Sache einzutreten, sich zu opfern, ins Gefängnis zu gehen und die nächsten Havels, Sacharows oder Solschenizyns zu werden.

Shirky: Die eine Frage lautet also: Benötigt eine Bewegung einen Märtyrer oder eine Märtyrerin, benötigt sie jemanden, der intellektuell im Mittelpunkt steht und bereit ist, einen Schlag einzustecken, um sich Gehör zu verschaffen? Und die zweite Frage ist: Muss es sich hierbei um eine Einzelperson handeln? Zur Märtyrerin wurde etwa Neda ja erst im Nachhinein. Wir wissen nicht, was sie dachte oder vorhatte. Sie hätte einfach nur mit Freunden auf der Straße sein können, weil dort etwas Interessantes und Wichtiges vor sich zu gehen schien, ohne einen Gedanken an das tödliche Risiko zu verschwenden. Aber ist das genug? Reicht es aus, so etwas wie das Kent-State-Massaker zu haben, bei dem die Nationalgarde auf unbewaffnete Antivietnamkriegsdemonstranten schoss, oder muss es ein Sacharow sein, also jemand, der sich selbst bewusst in Gefahr begibt, bevor diese Gefahr ihn wirklich ereilt?

Morozov: Ich glaube, dass ein Massenprotest einen charismatischen Führer, einen Sacharow braucht, um sein Potential wirklich entfalten zu können. Meine Befürchtung ist, dass es im Twitter-Zeitalter keinen Solschenizyn mehr geben kann. Er würde wahrscheinlich viel früher - und für viel länger - im Gefängnis verschwinden, als dies seinerzeit der Fall war. Ich bezweifle, ob Twitter ihm dazu verhelfen würde, eine stärkere und charismatischere Figur zu werden oder den Mut zu fassen, die erste Seite seines Buchs zu schreiben.

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