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Internet : Das Unbehagen an der digitalen Macht

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Shirky: Um auf ein anderes Thema zu kommen. Ich glaube, einer der Punkte, an dem die Debatte in die Irre gegangen ist, war, die Bedeutung des Zugangs zu Informationen zu überschätzen und die Bedeutung des Zugangs zu Menschen zu unterschätzen. Dieser Fehler datiert bis auf die Anfänge des Internets zurück. Wenn wir die Hürde der Zensur zwischen dem Westen und China absenken könnten, wenn wir das Goldene Schild einfach entfernen könnten, während die Chinesen dasselbe Maß an Kontrolle über ihre Bürger und deren Kommunikation behalten, dann würde sich nicht viel ändern. Wenn das Goldene Schild uneingeschränkt im Einsatz bleibt, die Kommunikation und Koordination unter den Bürgern sich jedoch verbessern, dann wird sich vieles ändern. Nach dem Erdbeben von 2008 in der Provinz Sichuan konnte man Anzeichen dafür erkennen.

Morozov: Aber meine Frage ist: In welche Richtung würden all diese Veränderungen gehen?

Shirky: Nun gut. Wie Robert Putnam gezeigt hat, schafft Sozialkapital Werte für Menschen innerhalb eines Netzwerks, während es den Menschen außerhalb des Netzwerks Nachteile bringt. Ich glaube nicht, dass Kommunikationsfreiheit automatisch zu prowestlichen Regierungen führt. Das bedeutet, dass ich uneingeschränkt für die Demokratie bin, selbst wenn es sich um illiberale Demokratien handelt, wie sie Fareed Zakaria beschreibt. Ich akzeptiere, dass es nationale Bewegungen geben wird, deren Ziele den außenpolitischen Zielen des Westens entgegenstehen, aber solange diese Länder Demokratien sind, bin ich offen gesagt weniger beunruhigt. Aber noch einmal zu China. Ich glaube, in China sieht es momentan so aus: 2008 gab es das schwere Erdbeben in Sichuan, die BBC bekommt über Twitter Wind davon und die chinesische Regierung über den chinesischen Instant-Messaging-Dienst QQ. Das letzte Mal, als es ein Beben dieser Stärke gab, brauchten die Chinesen drei Monate, um es zuzugeben. Jetzt haben sie nicht mal die Wahl, weil die Welt schon darüber berichtet, während sie gerade ihre Kräfte mobilmachen.

Was geschah, als sie einen ihrer „Friede, Freude, Eierkuchen“-Momente mit der Presse inszenieren wollten? Da begriff auf einmal eine Gruppe von Müttern aus Sichuan, die ihre Kinder verloren hatten, weil die Schulgebäude beim Erdbeben eingestürzt waren, dass hierfür eine minderwertige Bauweise verantwortlich war. Und plötzlich protestieren sie im hellen Tageslicht der Öffentlichkeit, und diese Proteste werden dokumentiert und über QQ verbreitet, und zum ersten Mal ist die chinesische Regierung mit einer radikalisierten Bevölkerung konfrontiert, die vorher in keiner Weise koordiniert war.

Morozov: Ich stimme zu, dass die Fähigkeit der chinesischen Regierung, den Informationsfluss zu kontrollieren, ein Stück weit - und in einzelnen Fällen erheblich - geschwächt worden ist. Werden die Herrschenden aber in der Lage sein, sich an dieses neue Umfeld anzupassen, indem sie neue Propagandamethoden ersinnen? Indem sie selektiv entscheiden, wer worüber berichten darf? Vielleicht. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass dies geschieht. Im vergangenen Jahr starb in der Provinz Yunnan ein junger Mann in Polizeigewahrsam. Statt Tausende von Kommentaren zu zensieren, die sich auf Websites wie der von QQ ansammelten, gestatteten sie den „Netzbürgern“, Dampf abzulassen. Sie forderten sie dazu auf, sich als „Netzbürger-Fahnder“ zu bewerben, und wählten schließlich 15 Personen aus, die ausgesandt wurden, das fragliche Gefängnis zu untersuchen. Sie konnten dort nichts finden und verfassten einen höchst ergebnislosen Bericht darüber. Damit waren die wachsenden Spannungen beseitigt - wohlgemerkt ohne irgendeine offizielle Zensur (erst später fanden die „Netzbürger“ heraus, dass praktisch alle 15 „Fahnder“ Angestellte oder ehemalige Angestellte staatlicher Medien waren). Die Moral von der Geschichte: Wir neigen dazu, die Fähigkeit der Regierung zu unterschätzen, auf manche dieser Nachrichten in einer Weise zu reagieren, die ihre Legitimität und Autorität nicht so unterminiert, wie wir das erwarten.

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