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Internet : Das Unbehagen an der digitalen Macht

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Morozov: Und wir haben die entsprechenden Kräfte irgendwie unterstützt, ob durch den Schmuggel von Technik wie in Polen, wo wir Kopiergeräte ins Land brachten, oder bloß durch solche Maßnahmen wie die, den polnischen Dissidenten regelmäßige Kontakte zur katholischen Kirche zu ermöglichen.

Shirky: Aber Kopiergeräte schmuggeln, das heißt doch gerade, die Kommunikationsmittel in die Gleichung mit einzubeziehen!

Morozov: Sie waren am Ende wohl nicht ganz so ausschlaggebend, es war eher sein grundlegender Mangel an ökonomischer Nachhaltigkeit, der den Zusammenbruch des Kommunismus herbeiführte. Und genauso könnte es langfristig eher unerheblich sein, wie viele Tweets heute nach Iran geschmuggelt werden.

Shirky: Dann werde ich jetzt als Gegenargument vorbringen, warum ich glaube, dass es nicht unerheblich sein wird: Die iranische Regierung hat angekündigt, Googles Mail-Dienst zu verbieten und ihn durch einen „nationalen E-Mail-Dienst“ zu ersetzen. Ich glaube nicht, dass die iranische Regierung dazu fähig sein wird, einen guten Ersatz für Google Mail zu betreiben. Nicht wegen der Zensur. Sondern weil ich nicht glaube, dass sie über ausreichend talentierte Systemadministratoren verfügt. Ich glaube nicht, dass sie die Technologie aufrechterhalten kann. Das wird zu Lasten der wirtschaftlichen Produktivität gehen. Nun kann man auf ein halbes Prozent des Bruttoinlandsprodukts verzichten, wenn der Ölpreis über 100 Dollar pro Barrel liegt, nicht aber, wenn er bei 70 Dollar und darunter bleibt. Wir haben schon einmal darüber diskutiert, ob sich Iran in ein „Burma auf Zeit“ verwandeln könnte. Ich glaube, dass Twitter, Facebook und so weiter Iran zu einem erheblichen Kompromiss gezwungen haben, bei dem die Führung gewillt ist, die eigene Kommunikationsinfrastruktur zu schwächen, was nichts anderes heißt, als Zehntelprozente des BIP preiszugeben, um die Erhebung zu kontrollieren. So nachvollziehbar das aus ihrer Sicht ist - es scheint mir langfristig ein gefährlicher Zug zu sein.

Morozov: Aber Sie wollen nicht suggerieren, dass das Regime zerfällt, wenn es Google Mail nicht verbietet?

Shirky: Nein, nein, nein. Ich sage, dass ein Verbot von Google Mail auf die Angst des Regimes davor schließen lässt, dass seine Bürger frei miteinander kommunizieren, und ich halte diese Angst für berechtigt.

Morozov: Ich glaube nicht, dass es jemals zu einem Verbot sämtlicher E-Mail-Dienste mit Ausnahme eines nationalen Anbieters kommen wird. Man muss sich genau anschauen, in welchem geopolitischen Kontext diese Drohung öffentlich gemacht wurde. Die iranischen Behörden gaben diese Erklärung eine Woche, nachdem Google Gespräche mit der Nationalen Sicherheitsbehörde publik gemacht hatte, heraus. Das war ein überaus günstiger Propagandamoment für die iranische Regierung, die nur die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und sagen musste: „Wir wollen absolut sicherstellen, dass unsere Bürger nicht von der NSA beobachtet werden.“ Das haben sie gemacht. Wieder einmal ein meisterlicher innenpolitischer Propagandaschachzug.

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